Samstag, 28. Juli 2007

EIN UNGEWÖHNLICHER LIEBHABER

Für mich, für dich möchte ich mich daran erinnern, Johannes, wie das gewesen ist mit unserer seltsamen Liebesgeschichte, die keine dauernde, bleibende sein konnte, immer nur eine punktuelle und doch eine gewaltig nachwirkende, zumindest in meinem Leben. Für das deine denke ich mir das nicht so, auch wenn es, 1970 war das, ein paar Monate gegeben hat, in denen dich wohl nichts mehr als sie bewegt hat. Im Ganzen deines Lebens aber war sie nur eine Episode. Es hat andere, ähnliche davor gegeben und, wer weiß, vielleicht danach auch noch. Die früheren denke ich mir, soweit du mich von ihnen etwas hast wissen lassen, als länger dauernd, intensiver und kräftezehrender.
Alle meine Erinnerungen an uns beide haben sich natürlich mit der vergehenden Zeit verändert, haben an Klarheit und Emphase verloren, sind durch neue Begegnungen neu bewertet geworden. Es ist nicht mehr unser einziges erfülltes Liebeserlebnis, das mir als das gewichtigste erscheint, was zwischen uns geschah. Sondern, wie ich von einem weitgehend nun gelebten Leben her sagen kann oder muss: Ich weiß besser als früher, dass du (oder richtiger: dass mein Bild von dir) in allen anderen Beziehungen zu Männern enthalten gewesen ist, nicht zu meinem Glück. Du, Johannes, bist lange für mich derjenige gewesen, der mich die Ganzheit der Liebe gelehrt hat. Heute meine ich: Es war nur ein geringer Vorschein davon. Zwei Ehen gab es, die meine besten Lebensjahrzehnte gezehrt haben, eine mit hohem Anspruch - du solltest es sein in einem anderen, der jung war und mit dem Liebe lebbar schien -, die andere, entsetzlich lange, ein Rückfall in die gesprächslose Welt meiner Eltern. Dann traf ich noch einen, der hatte sogar ein Wort für das, was ich "das Ganze" nenne oder manchmal auch "das Alles": "Dreiklang", Gemüt und Geist und Gestalt. Das Problem dabei war nur: Er suchte drei Dreiklänge zugleich zu leben. Das konnte, zumindest für mich, nicht gut gehen. Auch wir beide haben aus der Liebe keine Freundschaft retten können, so wenig es mit den beiden anderen gelang. Kann es überhaupt gelingen?
Ich habe ihn also noch einmal erlebt nach dir, Johannes, den Dreiklang. Wenn ich heute von alternden Paaren höre, deren Liebe sich verwandelt hat, aber fortlebt, und einige kenne ich sogar, dann weiß ich nun: Das sind Ausnahmen in dieser Welt, sie leben eine Kostbarkeit, die man nicht als das Erwartbare ansehen darf, wenn man jung ist. Niemand hat darauf einen Anspruch. Liebe, Glück, das ist nichts Dauerhaftes, im Allgemeinen. Das ist so, und es ist schrecklich. Die Begründung nur aus dem Biologischen ist mir zu dürftig. Aber ich will weiter nicht darüber raisonnieren. Denn ich will dir ja meine Erinnerung an unsere Geschichte vortragen, Johannes, dir, der du nun schon seit langem tot bist und lange der Einzige warst, um den ich trauerte.
Und da war Hajo. Da ist Hajo. Wir liebten uns, beinahe noch Kinder, während ich deine Konfirmandin war und mir langsam darüber klar wurde, dass ich dich anders anschwärmte als meinen Deutschlehrer. Was aber war es dann, damals? Ich kannte nur deine Augen, die von meinen gern immer wieder sich anziehen ließen, wenn ich vor dir saß beim Konfirmandenunterricht, immer in der ersten Reihe. Mehr geschah nicht zwischen uns beiden. Hajo und ich waren füreinander die ersten, zu jung eigentlich für alles, was wir taten, aber was wir erlebten, war oft zum Staunen schön. Aber dass, was uns widerfuhr, nicht dauern konnte, war gleichfalls eine Erkenntnis von Anfang an.

Die Annäherung an dich war langsam. Und drei Jahre lang, nein, länger noch, wusste ich überhaupt nicht, dass es eine Annäherung war. Sie beginnt mit Paula Reich, die mir die Germanischen Götter- und Heldensagen hinterließ, das Buch, das meine Mutter verbrannt hat, weil ich darin lebte und webte, hingerissen, betört von den so anderen Gottesvorstellungen darin. Mein Bezaubertsein dadurch erschien ihr gefährlich. Aber ein Gespräch darüber konnten all die Taufscheinchristen um mich herum nicht führen. Ahnung vom Christentum hatten sie nicht, zur Kirche gingen sie ja nicht. Aber sie hatten Macht über mich. Und so hatte ich, wenn ich das so sagen darf, meine eigene Bücherverbrennung, im großen Kohlenherd in der Küche. Reste glommen noch, als ich nachsah, fassungslos.
Wer Paula Reich gewesen war, darüber habe ich fast nichts herausgefunden, nicht einmal, ob sie eine Freundin oder nur eine gute Bekannte meiner Großmutter gewesen ist. Es ist für diese Erinnerungen nicht notwendig zu wissen, wer sie wirklich war. Nur vorkommen sollte sie deshalb, weil an ihrem Sterbebett zum erstenmal dein Name genannt worden ist, Johannes, der du mir für eine lange Zeit meines Leben wichtig geworden bist, so selten ich dich gesehen habe, und immer nur dann, wenn ich dich suchte. Paula starb an Magenkrebs, sie starb in einem schmalen Messingbett in einem schmalen Zimmer im Herbst 1949 in der Wichertstraße in Ostberlin. Meine Großmutter pflegte sie und auch meine Mutter, vielleicht manchmal beide sogar zusammen. Wohl weil ich erst neun Jahre alt war und nicht alleine bleiben sollte, wurde ich mitgenommen. Schon das fremde Treppenhaus verhieß fast eine Abenteuerwelt. Wenig Sonnenlicht fiel manchmal durch die paar erhaltenen Glasscheiben der Flurfenster. Die meisten waren noch durch Pappen ersetzt. Das künstliche Licht kam von einer in der bloßen Fassung baumelnden matten Glühbirne. Trostlos war es. Aber in unserem Hausflur war die Treppenbeleuchtung nicht anders. Solche Düsternis war ich gewohnt.
Trotzdem begann hinter der Tür mit dem Messingschild REICH ein Reich der Magie für das Kind, das ich war. Denn musste nicht, wer 'Reich' hieß, es auch sein? Nun hatte ich keine Maßstäbe für das, was als reich gelten konnte (oder doch: die Heidbrinks mit ihrer Maßschuhherstellung unten im Haus für die obersten russischen Besatzer waren wohl reich, hatten jedenfalls Auto, Hund und Dienstmädchen), aber was ich sehen wollte, sah ich anscheinend auch, also die Art von Reichtum, den es hier geben musste. Ich erinnere mich an einen gewaltigen Schrank im Wohnzimmer, der voller alter Bücher war. Jedenfalls glaubte ich, dass sie alt und deshalb wertvoll waren. In diesem Wohnzimmer werde ich wohl irgendwo gesessen haben in einem der tiefen Sessel, in denen ein Kind fast verschwand, mit einem Buch, schon damals mit den Germanischen Götter- und Heldensagen, nehme ich an, und war der Welt verloren, indes eine der Frauen die Kranke versorgte. In ein Buch und seine Welt hinein verschwinden, das konnte ich früh, das Einzelkind, auch den Reichtum in Büchern sehen. In dieser Wohnung fühlte ich mich magisch geborgen.
Später kam zur Pflege der Paula Reich eine Diakonisse hinzu, deine Schwester Elise, Johannes. Ich kannte Diakonissen aus der Kirchengemeinde. Sie trugen schwarze oder im Sommer auch graue lange Gürtelkleider und gefältelte und steif gestärkte weiße Hauben, die gutmütige, rundliche Schwester Erna und die hagere, strenge Schwester Charlotte. Das Kind bedauerte sie dafür, dass sie sich nie bunt anziehen und anscheinend auch nie rennen durften, aber es wusste wohl schon, dass sie sich diesen Beruf gewählt hatten und daher bunte Kleider und rennen für sie nicht wichtig sein konnten. Deine Schwester Elise war nicht rundlich und nicht hager, war also für das Kind ein neuer Typ Diakonisse, obwohl sie natürlich die gleiche Kleidung trug wie die beiden anderen. Ihre immer gleich bleibende ruhige Güte erschien mir, dem Kind Ursa, nahezu unfassbar. Ich erinnere mich, wie sie auf Paula Reichs Bett saß und ihre Hand hielt und streichelte und wie sie erzählte, erzählte in großer Liebe von ihrem viel jüngeren Bruder, von dir, Johannes, der damals noch in russischer Kriegsgefangenschaft war. Und die Magie dieser Wohnung machte mich kindlich sicher, dass ich dich irgendwann kennen lernen würde.
Als Paula Reich zu Grabe getragen wurde, sah ich: es stand auf dem Grabstein bereits PAUL REICH, genau so, wie ich es immer behauptet hatte. Paul und Paula, das müsste doch so sein. Wir sahen den Namen auf dem Weg zur Kapelle. Leider aber durfte ich meinen Triumph nicht genießen bei einer feierlichen Handlung, wie ich sie mir vorgestellt hatte nach den Erzählungen der Großmutter, erst einer Trauerfeier in der Aussegnungshalle (Aussegnung, das Wort hörte ich damals zuerst; ich wusste nur, was Einsegnung war), dann noch einem kurzen Zeremoniell am Grab. Denn der vom Dienstplan her bestimmt war, die Beerdigung zu halten, der war eine Vogelscheuche. So ist er mir jedenfalls in Erinnerung geblieben. Im Talar kam er angerannt in die Kapelle, durch den Mittelgang, denn er war zu spät gekommen. Aus einem speckigen Rucksack, den er über dem Arm hatte, nahm er eine Bibel und ein Gesangbuch. Nüchtern schien er auch nicht zu sein, jedenfalls bewegte er sich schlingernd, redete stotternd. In gewisser Weise hatte es mit ihm seine Richtigkeit; er war der zuständige Pfarrer, war dein Vorgänger, Johannes. Wie aber so jemand Pfarrer sein konnte, das habe ich nicht zu fragen gewagt, oder meine Frage danach ist nicht beantwortet worden. Man ließ ihn wohl mit seinem Tun zu Ende kommen, erst in der Kapelle und dann am Grab. Denn was sonst? Ihn unterbrechen? Hätte er sich überhaupt unterbrechen lassen? Hätte nicht erst das den eigentlichen Eklat ergeben? Konnte man die Tote mit unvollständigem Zeremoniell bestatten? Und wer hätte dem unwürdigen Priester denn das Wort entziehen können? Und im Übrigen wollte man sich doch sicher nicht nochmals treffen.
Aber das sind Erwachsenenfragen, keine, die ich mir als Kind stellte. Doch dass da eine groteske, peinliche Verformung einer kirchlichen Handlung abgelaufen war, das merkte ich wohl. Und begriff: Ginge es nach der Dienstbezirkseinteilung, und die kannte ich, sie hing aus im Flur des Gemeindehauses, so müsste ich in drei Jahren bei diesem irgendwie abgestürzten Pastor Konfirmandenunterricht haben! Aber das niemals! Dazu war ich entschlossen mit meinen neun Jahren und suchte und erhielt das Einverständnis des Pfarrers der Kindergruppen, Wolbrandt, dass ich zu ihm kommen dürfe und den anderen nie im Leben wiedersehen müsse. Und das brauchte ich auch nicht. Denn noch bevor ich mit dem Konfirmandenunterricht dran war, warst du sein Nachfolger geworden.
1950 kamst du aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück in ein zerstörtes Berlin, das du zehn Jahre zuvor, im Jahr meiner Geburt, hattest verlassen müssen. Du zogst mit deiner Frau Else in eine vermutlich bescheidene Wohnung im vierten Stock des Gemeindehauses, in der ich nie gewesen bin. Ich kannte aber die öffentlichen Räume des Hauses, das sich von allen anderen in der Straße, die ja wunderbarerweise fast sämtlich unzerstört geblieben waren, durch eine grün-weiß gestrichene geschnitzte Tür unterschied, fast ein Portal, und ein hohes schmiedeeisernes Gitter, das wir Kinder trotz immer wieder ausgesprochener Verbote zum Klettern benutzten. Spielgeräte gab es nirgendwo. In Ruinenhäusern zu spielen war natürlich verboten und mit sehr viel besseren Gründen, wie uns klar war, und doch taten wir auch das. Ich habe das Haus vor kurzem wieder besucht wie immer einmal wieder, denn möglichst bei jedem Berlin-Besuch sehe ich nach meiner alten Gegend. Das Haus müsste renoviert werden, aber es ist sicher kein Geld dafür da. Die grün-weiße Tür ist in schäbigem Braun überstrichen. Der Hof zwischen Gemeindehaus und Kirche sieht so räudig aus wie zu meiner Konfirmandenzeit. Da habe ich kurze Zeit auf einer Bank gesessen, einen Zigarillo geraucht, mein Pausenzeichen, und zu einem ungepflegten Balkon mit Weinranken hinaufgesehen, der zu deiner Dienstwohnung gehört haben könnte. Die vier Treppen hinauf bin ich nicht gestiegen. Was sollte ich da? Leider kam niemand in den Hof, den ich etwas hätte fragen können, irgendetwas, nur ein Hund kam schnüffeln, aber verzog sich wieder und ich mich dann auch. Fast wäre es mir gelungen, zu einem Bastelkreis hineinzuschlüpfen. Unter den Frauen dort konnten, dem Alter nach, welche sein, die dich vielleicht noch gekannt hatten. Aber zwei eilige, ein wenig zu spät gekommene, freundlich grüßende Frauen luden mich nicht ein, hineinzukommen, sondern schlossen die Tür hinter sich, vor mir. Das sollte wohl so sein, dachte ich mir. Manchmal kommt man ja umgekehrt gerade eben rechtzeitig. Den Flur kannte ich noch gut, von dem links die Treppe nach oben abgeht. Gleich rechts hinter der Tür war der Konfirmandenraum gewesen, war es sicher noch immer, daneben der Raum, wo jetzt der Bastelkreis stattfand. Beide zusammen bildeten die Winterkirche und den Ausweichraum, während die eigentliche Kirche repariert wurde, die von Brandbomben getroffen worden war. Zwischen ihnen gab es eine Falttür, soweit ich mich erinnere. Oder wir gingen in die nicht allzu weit entfernte Gethsemane-Kirche. Mit diesen beiden Räumen, auch zusammen viel kleiner, als sie in meiner Erinnerung waren, verbinde ich vor allem den Kindergottesdienst dort und den dankbar nickenden Mohrenjungen, der die kleine Opfergabe entgegennahm, die uns die Eltern mitgaben. Niemand hat damals Anstoß genommen an diesem postkolonialen Gebilde, das zwei Kriege überstanden hatte und in DDR-Zeiten noch immer nickend tätig war.
Du, Johannes, wurdest 1952 mein Konfirmandenpastor. Dass die Vogelscheuche nicht mehr da war, das wusste ich vorher, kannte dich aber nicht, denn Kindergottesdienst hieltest du nicht. Ich wollte nicht zu dir, wollte zu Pfarrer Wolbrandt, den ich kannte, zu dem auch meine Freundin Silvia ging, aber meine Mutter zwang mich, meldete mich an, weil du eben zuständig warst für das Haus Kuglerstraße 1. Meine Mutter tat immer, was vorgeschrieben schien. Sie und ich konnten natürlich beide nicht wissen, was das für eine in mein weiteres Leben hineinwirkende Entscheidung war. Außer Wut auf sie empfand ich bei dieser ersten kurzen Begegnung mit dir nur vage, dass du ganz anders warst als dein Vorgänger. Dass du der Bruder von Schwester Elise warst, deren Zunamen ich damals natürlich eben so wenig kannte wie jemals die Zunamen der ungleichen Gemeindeschwestern Erna und Charlotte, erfuhr ich erst viel später, dass ich also von dir gehört hatte längst, ehe ich dich kannte.

Das meiste von dem Wenigen, das ich über dich weiß, Johannes, hast du mir bei einem einzigen stundenlangen Gespräch in einem Café an der Karl-Marx-Allee erzählt. Damals stand schon die Mauer in Berlin, und ich wohnte inzwischen auf ihrer anderen Seite. Aber es gab nach einiger Zeit Passierscheinregelungen, wenn auch nur für Verwandte. Da machte ich dich zum Onkel und durfte kommen. Onkel Johannes. Aber den 'Onkel' küsstest du mir weg. Dem war natürlich etwas vorausgegangen zwischen uns, woran ich mich und dich erinnern will. Es sind freilich nur Bruchstücke, Erinnerungen an wenige einzelne Begegnungen, drei genau. Und es sind auch nur Bruchstücke, aus denen ich mir deine Geschichte vor 'unserer Zeit' zusammensetzen kann. Ich musste sie immer wieder durch eigene Annahmen über dein Leben zusammenfügen. Es hat ja eine gemeinsame Zeit über einzelne Stunden hinaus gar nicht gegeben, also auch nur wenig Zeit dafür, dass du, der 30 Jahre Ältere, mir viel aus deinem Leben hättest erzählen können.
Du stammtest aus einer kleinen Stadt in dem für mich geheimnisvollen Pommern wie meine Großmutter. Deine Familie hatte in mehreren Generationen Juristen hervorgebracht und untadelige Frömmigkeit mit zuverlässig konservativer Gesinnung und nach der Reichsgründung auch stolzem Nationalismus vereint. Letzterer hatte deinen Vater bewogen, sich freiwillig zum Weltkrieg zu melden und für Deutschlands Platz an der Sonne zu kämpfen. Dies aber nicht lange, denn bereits in einer der ersten Wochen wurde er verwundet. Du, der spät geborene Sohn, warst damals erst vier Jahre alt, deine Schwester Elise 18. Aus dem Lazarett schrieb der Vater noch einige Briefe, ehe er starb. Die zeigten, dass er inzwischen anders dachte. Nicht mehr vom Erbfeind Frankreich war da die Rede, nicht mehr von den Kolonien, die Deutschland in viel größerer Zahl noch zustünden, als es sie schon besaß - sondern es war die Rede davon, dass sich sein junger Sohn doch dereinst, wenn er erwachsen sein würde, statt der Familientradition zu folgen, dem "ewigen Recht" zuwenden, Pfarrer werden möge. Dies sei sein Wunsch und sein Vermächtnis.
Mit diesem Packen auf dir wuchsest du auf, der vaterlose Sohn eines allzu begeisterten Kriegsfreiwilligen. Der Lebensinhalt deiner Mutter wurde es, den letzten Wunsch des Vaters in einen letzten Willen umzudeuten, der zudem noch den Verzicht auf Kinder einschließen sollte. Zwar sei man natürlich protestantisch, und das solle gar nicht geändert werden, aber lebe nicht der katholische Pfarrer, allein seinem Beruf hingegeben, konsequenter? Oder die Nonne? Dies galt der Tochter. Deine Schwester folgte dem Wunsch des Vaters und Willen der Mutter und wurde Diakonisse. Als Krankenschwester hatte sie schon im Krieg gearbeitet. Ihrem Naturell kam das entgegen und enthielt für sie keinerlei Konflikte oder jedenfalls keine, von denen du erfahren hättest. Sie sah wohl ihre zölibatäre Lebensform und ihre Kinderlosigkeit als eine Sühne für den von Seiten aller beteiligten Staaten in vermessener Siegesgewissheit begonnenen Krieg an, dessen fürchterliche Folgen sie "im Feld" selbst gesehen hatte, in dem Krieg, für den schon wenig später die Bezeichnung "Weltkrieg" nicht mehr ausreichte, weil es einen zweiten gab. Da hatte sie in Lazaretten in der Heimat gearbeitet. Danach war sie die liebevolle Pflegerin von Paula Reich gewesen.
Mit dir, dem Sohn, war es anders. Du hast rebelliert, als du heranwuchsest und zu begreifen begannst. Wie könne ein Mann, dein Vater, es wagen, seine Kinder zur Sühne für seine verblendete Kriegsbegeisterung zu verpflichten! Er habe in freiem Entschluss, man könne auch sagen: ebenso mutwillig wie die Regierungen den Krieg begonnen hätten, sein Leben aufs Spiel gesetzt und verloren. So wachse er nun ohne Vater auf. Und was solle das hochtönende Reden über den Zölibat? Jeder wisse schließlich, wie viele katholische Geistliche heimlich eine Geliebte hätten, sehr viele, wenn nicht alle doch! Und wenn sie wirklich keine hätten, dann sammelten sie Briefmarken oder trieben Heimatkunde oder Philosophie, und auch das könne man so exzessiv tun, dass mindestens soviel Zeit dafür drauf ginge wie für eine Geliebte. Und die Mutter! Was sei ihr denn nur eingefallen, aus des Vaters Wunsch eine Verfügung machen zu wollen? Er habe ja, weil dieser es so verlangt hatte, dessen Briefe selbst gelesen, als er in einem Alter gewesen sei, sie zu verstehen. Einen Wunsch habe er ausgesprochen, keine Verpflichtung. Und selbst wenn diese: Er aber lasse sich nicht zu widernatürlicher Zucht bringen.
Theologe allerdings wolltest du werden. Mit 13 wurdest du ans Gymnasium zum Grauen Kloster nach Berlin geschickt, wohntest bei einem Onkel, der den größeren Teil deiner Ausbildung finanzierte. Mit der Mutter konntest du nicht mehr zusammenleben, hattest jahrelang mit ihr nur die ganz unvermeidbaren Kontakte. Erst 20 Jahre später habt ihr euch versöhnt, als nun du Soldat in einem noch frevelhafteren Krieg warst und nicht freiwillig.
Dass du zum Zölibatär nicht gemacht seiest, das wusstest du schon als Schüler. Du kanntest und bedachtest deine Träume und nahmst sie ernst, ohne etwas von Psychoanalyse zu wissen. Denn du träumtest keineswegs, was du im Religionsunterricht lerntest, die mystische Vereinigung mit dem Leib des Herrn, der sich in die fast körperlose Gestalt einer Hostie verflüchtigt hatte, sondern du träumtest die lustvolle Vereinigung mit einer Frau, auch manchmal mit einer Dirne, und du träumtest das, ohne Schuld dabei zu empfinden.

Bestätigt, in ganz und gar überwältigender Weise bestätigt hatte dir diese Schuldlosigkeit Regina. Da warst du erst 16, so hast du es mir erzählt, sie 22. Sie sah den Gymnasiasten, fast immer ernst - es waren Gedanken an den zukünftigen Beruf, das Zerwürfnis mit der Mutter, die dich so ernst machten -, fast immer allein, zur Schule gehen, von der Schule kommen, wenn du an dem Küsterhaus vorbei gingst, das auf deinem Weg lag und dem du keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hattest. Da stand sie, die Tochter, aufmerksam geworden, oft am Fenster und wartete auf dich. Lange sah nur sie den Jüngling, ohne dass du sie bemerkt hättest, eingesponnen in Gedanken, wie du warst. In deinen Ernst verliebte sie sich. Eines Tages ging sie dir einfach entgegen. Ob sie dich ein Stück begleiten dürfe? Sie sehe dich oft, täglich eigentlich, aber sie wolle nun reden mit dir. Warum du so ernst seiest. Du warest nur kurz verblüfft, dass sie dich angesprochen hatte und so mitten in dein Problem hinein fragen konnte.
Nach einigen Tagen hatte sie Decken in einen Turmraum der Kirche in der Nähe der Glocken gebracht. In diesen Raum kam nie jemand. Sie hatte einige Jahre früher sich dorthin öfter mit Büchern zurückgezogen, während sie angeblich bei Freundinnen war. Die Schläge der Glocken alle Stunden waren zu ertragen. Den Schlüssel für den Raum konnte sie leicht an sich nehmen.
Dahin führte Regina nun dich, den 16-jährigen Gymnasiasten Johannes, und wartete, dass du sprächest. Und wirklich: Ihr konntest du dich erklären. Sie war der erste Mensch außer deiner Schwester, bei dem das möglich war. Onkel und Tante, bei denen du lebtest, versorgten dich nur im Äußeren. Wie hattest du das Gespräch herbeigesehnt über dich und das Lebensproblem, das die Eltern dir aufgeladen hatten! Regina ließ dich sprechen, fragte, hörte den langen Antworten zu und zeigte durch ihre neuen Fragen, dass sie dich verstehen wollte und verstanden hatte. Du warst, in der ganzen unerfüllten Liebesbedürftigkeit deiner 16 Jahre, einfach überwältigt von soviel Verstehensfähigkeit, so jung diese Regina selbst doch erst war, aber eben älter als du und um diese Jahre auch reifer, was viel bedeutet, wenn man um die 20 ist. Du sagtest zu mir, du habest zu ihr sprechen können, wie sonst nicht mehr zu einer Frau. Du hast dich von Regina ganz verstanden gefühlt in deinem Bestreben, den Wunsch des Vaters zu erfüllen, aber die Wollust in dir dennoch nicht zu verleugnen.
Dann, nach nicht sehr langer Zeit, wollte Regina mit dir schlafen, bewusst und mit aller Kraft. Wie sie dich angesprochen hatte auf der Straße, so sagte sie dir das, ganz ohne Scheu. Und auch du, der sechzehnjährige ernsthafte Gymnasiast, hast es gewollt, und was du in Träumen und Wachträumen längst erlebt hattest, wurde Wirklichkeit und Wahrheit. Nichts war dir fremd, nichts bedrückte dich und sie, alles war richtig so, wie es geschah.
Ob du Novalis kenntest, fragte sie, "Wenige wissen/Das Geheimnis der Liebe ...". Du kanntest diese Hymne nicht, die nicht der Dichter selbst unter seinen Geistlichen Liedern versteckt hat. Er wusste besser als seine Herausgeber, dass er das jesuanische "Dies ist mein Leib", "Dies ist mein Blut" eben nur leiblich verstehen konnte, als Sehnsucht nach Vereinigung. So grandios ist das hymnische Preisen der Sexualität in ihr, so gewaltig, dass die Erfüllung nur als eine jenseitige verschleiert werden konnte. Aber das Gesagte ist offenkundig genug irdisch. Du lasest diese zuerst natürlich befremdliche Hymne aber, sobald du konntest, und lerntest sie dann sofort auswendig. Dass dies Gedicht dein eigentliches Selbst aussprach in seiner Gespaltenheit und damit das Problem deines Lebens, das hast du vom ersten Augenblick an gewusst.
"Wir werden uns heute zum letzten Mal so gesehen haben", sagte Regina wenige Tage später leise zu dir, nachdem ihr wieder im Turm zusammen gewesen wart, "ich gehe nach Königsberg. Ich werde mich dort zu verloben haben. Meine Familie verlangt das von mir. Es bestehen Verpflichtungen. Ich kann mich nicht wehren. Ich bin eben nur ein Mädchen. Aber bevor ich tue, was man von mir verlangt, wollte ich unsere Begegnung so, als eine der fast letzten Stunde. Dass wir hier waren und gesprochen haben und dass wir hier ganz beieinander waren, das vergiss nicht. Aber frage mich nichts und schreibe mir nicht. Nur so können wir uns voreinander schützen. Nein, sag' nichts. Aber sag' uns noch einmal das Gedicht." Du hast es auswendig gesprochen:

"Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Atem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In zitternde Wellen das Herz schmolz,
Wem das Auge aufging,
Dass er des Himmels
Unergründliche Tiefe maß,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute
Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes
Hohen Sinn erraten?
Wer kann sagen,
Dass er das Blut versteht?
Einst ist alles Leib,
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. -

O! dass das Weltmeer
Schon errötete,
Und in duftiges Fleisch
Aufquölle der Fels!
Nie endet das süße Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich.
Nicht innig, nicht eigen genug
Kann sie haben den Geliebten.
Von immer zärteren Lippen
Verwandelt wird das Genossene
Inniglicher und näher.
Heißere Wollust
Durchbebt die Seele.
Durstiger und hungriger
Wird das Herz:
Und so währet der Liebe Genuss
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Hätten die Nüchternen
Einmal gekostet,
Alles verließen sie,
Und setzten sich zu uns
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
Sie erkennten der Liebe
Unendliche Fülle,
Und priesen die Nahrung
Von Leib und Blut."

Du sagtest wirklich hiernach nichts mehr, Johannes, Lieber, so hast du mir erzählt, versuchtest nicht, sie so umzustimmen, dass ihr doch in
irgendeinem Kontakt hättet bleiben können. Der Abschied sei jammervoll gewesen, hast du gesagt. Wie hätte er denn anders sein sollen? Reginas Entscheidung und der Schmerz, den sie dir brachte - beides war richtig. Das sahest du bald ein. Zuerst aber hattest du es dir heftig vorgeworfen, dass ihr beide so stolz darauf verzichtet hattet, einander auch nur Lebenszeichen zukommen zu lassen.
Diese wenigen Tage, Stunden im spätherbstlichen Nachmittagsdunkel im Turm, die Gespräche mit Regina dort, ermöglichten es dir, die endgültige Entscheidung deines Lebensproblems zu finden, Theologe zu werden, Zölibatär aber nicht. Das, wozu dich der Vater gerufen hatte, konntest du nur erfüllen, wenn du die Verpflichtung durch die Mutter abtatest. Nur freiwillig konntest du Theologe werden. Die Nahrung von Leib und Blut würdest du immer preisen müssen, das süße Mahl nie endigen wollen, Genuss nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber hier in der Zeit gegen alle Vernunft immer wieder suchen, auch manchmal um den Preis der Aufrichtigkeit. Ein Heiliger konntest du nicht werden. Aber du hast daran geglaubt, dass Gottes Vergebung immer noch größer sein würde als alle Schuld, in die du dich verstricktest und, denn du lerntest dich immer besser kennen und deine manisch-depressive Anlage, in jeder Zukunft wieder verstricken würdest.
Der gegen alle gewonnene Einsicht immer wieder doch aufkommenden Versuchung, Regina nachzuspüren, hast du widerstanden, obwohl es dich oft das Äußerste deiner Kraft kostete. Sie würde in einer verfügten Ehe leben. Unmöglich wäre es sicher nicht gewesen, sie zu finden, so groß war Königsberg nicht, und die Familie, in die sie einheiraten musste, war kirchlich gebunden. Wenn du aber in ihre Ehe einbrächest, sie gar herausholen wolltest, müsstest du ihr Sicherheit bieten. Aber das konntest du nicht als so viel Jüngerer. Und - du hast gewusst, dass das selbstsüchtig war - du wolltest auch dein "Turmerlebnis", wie du es mir gegenüber nanntest, nicht einer irgendwie gearteten nachfolgenden Dauerhaftigkeit opfern. Dauerhaftigkeit konntest du dir nur, selbst mit euch beiden, als flach werdend vorstellen. So jung warst du noch.
Das Gedicht von Novalis behieltest du immer auswendig. Aber dessen Abendmahlslehre war nicht die des Theologiestudiums, das du drei Jahre nach deinem unvergesslichen Erlebnis im Turm begonnen hast. Ein Verständnis der Eucharistie wie bei Novalis war in überhaupt keiner Abendmahlslehre vorgesehen. Das wusstest du natürlich längst. Jesus sei "in, mit und unter" Brot und Wein, hatte Luther gelehrt und hattest du als Lutheraner zu glauben. Das erschien dir zu oberflächlich oder zu tiefgründig, jedenfalls verstandest du es eigentlich nicht. Dann schon lieber, was unter den Reformierten Zwingli sich gedacht hatte: ein Erinnerungsmahl. Brot und Wein als Unterpfand dafür, dass Jesus, der Sohn Gottes - was aber war denn das, ein Sohn Gottes? - einst da gewesen sei und wiederkehren werde und denen, die an ihn glaubten, ihre Sünden - und was waren Sünden? - vergeben habe. Das verstandest du ein wenig besser. Nicht umsonst hatte Regina dir jedes Unterpfand eurer Begegnung verweigert mit der Bemerkung, du brauchtest keines. Sie und du, ihr wüsstet im Geist, dass ihr einander angehört hättet, oder ihr hättet es gar nicht begriffen. - Faszinierend, wenn nun auch dem Verstand überhaupt nicht zugänglich, war die katholische Lehre, dass Brot und Wein im Augenblick der 'Wandlung' realiter zu Leib und Blut Jesu werden sollten, faszinierend wegen der Anmaßung, die du darin erkanntest und die verlangte, geglaubt zu werden. Nur leider die Novalis-Worte, die in deinen Sinnen waren, duftiges Fleisch, immer zärtere Lippen, Wollust, sie passten zu keiner dieser Lehren, sie schienen - in früheren Jahrhunderten hätte man das so gesagt und hätte es verfolgt - Ketzerei zu sein. Übrigens bemerktest du durchaus, dass Befürchtungen dieser Art jenen romantischen Dichter nicht beschwert zu haben schienen, solche nicht.
Johannes der Theologe, Johannes der Liebhaber, Johannes der Ketzer. Aus dieser Spannung kamest du nie wieder heraus, jedenfalls so viel ich von dir noch erfahren habe. Manchmal zerriss sie dich fast.
Du hast einmal die Konversion zum Katholizismus überlegt und sie wieder verworfen, du hast auch überlegt, die Theologie hinzuwerfen, und hast auch das verworfen. Du suchtest eine Beichte, die es ja im Protestantismus durchaus gibt, die nur eben wirklich gesucht werden muss, und bekanntest deine wollüstigen Wünsche, deine ketzerischen Vorstellungen beim Abendmahl, nicht aber die Begegnung mit Regina, die durch jede 'Beichte' entweiht worden wäre, wie du meintest. Du redetest dir ein, Entlastung durch die erteilte Absolution gefunden zu haben, redetest dir zeitweise sogar Beglückung durch sie ein, weil du deine brennenden Fragen glaubtest beiseite legen zu dürfen, empfandest aber immer wieder die Absolution doch nicht als gültig, weil du ja die ganze Wahrheit nicht gesagt hattest. Johannes der Lügner. Das warst du auch.
Du hast deine theologische Ausbildung in der Mitte der 30er Jahre im Predigerseminar der Bekennenden Kirche abgeschlossen. In der Bethge-Biographie Dietrich Bonhoeffers steht sogar ein um Weisung bittender Brief von dir abgedruckt. Denn dass du unter den Bedingungen des totalitären Staats die Theologie und den Beruf des Pfarrers nicht hinwerfen dürfest, dass das zu politisch anderen Zeiten möglich und möglicherweise richtig gewesen wäre, gerade in jenen aber nicht, das war dir mit der Zeit eine feste Überzeugung geworden. Es war zugleich eine viel bessere Begründung dafür, den Packen nicht hinzuwerfen, als es die Treue zu deinem verblendeten Vater gewesen war. Manchmal warest du den Zeitläuften geradezu dankbar, dass sie diese Entscheidung bewirkt hatten. Immer häufiger erschienen dir nun deine subtilen dogmatischen Probleme glasperlenspielerisch und frivol angesichts der geistlichen Not der Zeit, und du warest froh um eine dir mehr und mehr zuwachsende Entschiedenheit, ja Nüchternheit.
So hast du am 1. Advent 1936: gepredigt: "Wo stehen wir eigentlich? Im Zwielicht oder im Halbdunkel? In der Unentschiedenheit? Wie leben wir eigentlich? Mal ein bisschen religiös, mal ein bisschen gottlos? Alles nicht zu schlimm und nicht zu übertrieben? Wo gehören wir eigentlich hin? ... Aber nun haben wir uns hierher begeben, und ich denke, um dem Licht dieses Adventes Gottes ein wenig näher zu sein. ... Denn wer heute noch zur Gemeinde kommt, erwartet etwas von dieser Stunde in der Versammlung der Christen. Erwartest du, dass dir diese Fragen gestellt werden? Mit der Botschaft von diesem Advent Christi konfrontiert zu werden ist alles andere als harmlos. Hier wird uns eine Revolution unseres Lebens zugemutet. ... Gott will uns dazu gebrauchen, dass wir auch die andern heranrufen und zum Licht Gottes bringen. ..."
Das zu sagen, dazu gehörte damals viel Mut.

Deine Sehnsucht nach Wollust versuchtest du dir aus dem Herzen zu reißen nach dem Rezept des Paulus: Wenn schon diese fleischlichen Gelüste, die die Klarheit des Geistes immer wieder irritieren, dann irrlichtere nicht durch die Welt auf der Suche nach ihrer Befriedigung, sondern erledige sie in der Ehe. So suchtest und fandest du Else.
Eigentlich hast du sie nicht einmal gesucht, brauchtest sie nicht zu suchen, denn sie war ganz einfach da. Alle Frauen in deinem Leben haben dich gefunden. Else war die Tochter einer geistig etwas engen, sehr kirchenfrommen Familie, bei der du als junger Vikar wohntest. Sie arbeitete unermüdlich in Altengruppen der Gemeinde, spielte in Gottesdiensten das Harmonium, machte Krankenbesuche, war da, wo sie gebraucht wurde. Sie war eine "Seele" der Gemeinde, ein Organisationstalent, tüchtig, aber eigentümlich farblos. Sie war unentbehrlich, aber sie wusste auch, dass sie unentbehrlich sei, bezog eine sonderbare Art von Stolz daraus, war herb und ohne Fröhlichkeit. "Nicht wie meine Schwester Elise", hast du oft gedacht, hast es mir gesagt.
Aber du wusstest dennoch, dass Else die Frau für dich war um der Bezwingung deiner Wollust willen, die du aufrichtig vorhattest, jedenfalls soweit es um Begegnungen ging wie die mit Regina. Lange hatte keine danach mehr die Tiefe gehabt wie jene, aber es gab oberflächlichere, die dir immer wieder zustießen oder widerfuhren und gegen die du dich nicht wehrtest. Du legtest dir aber nun zurecht, wenn du Else, die Tüchtige, heiraten wollest, ein Heiratsversprechen gegeben hattest, dann müsse es euch gegen alle kirchliche Konvention erlaubt sein, miteinander zu schlafen. Du meintest zwar nicht eigentlich sie, denn Verlockung ging nicht von ihr aus. Aber eine andere Frau zum Heiraten war nicht da, und so bedrängtest du sie, denn diese Verbindung schien dem Lebensplan zu entsprechen, den du dir zurechtgelegt hattest. Else wollte nicht oder glaubte nicht wollen zu dürfen, nicht vor der Ehe. Manchmal wollte sie aber doch, ließ sich nehmen, verlangte den coitus interruptus, träumte das Gegenteil, aber sagte es damals nicht, verdammte diese Träume und sehnte sie herbei. Heimlich suchte sie sie manchmal in Selbstbefriedigungen wieder zu beleben - das gestand sie dir Jahre später -, die ihr bei allen Schuldgefühlen deshalb halbwegs genussvoll waren, weil sie ja auf jeden Fall keine körperlichen Folgen haben konnten. Du, Johannes, ebenso heimlich, tatest desgleichen, häufig ekstatisch, fast immer im Gedenken an Regina, auch deinerseits schuldbewusst, weil es dir nicht gelang, deine Wünsche zu beherrschen. So lebtet ihr miteinander und nebeneinander, und nach dem Vikariat habt ihr geheiratet, und du bekamst deine erste Pfarrstelle. Aber nun verweigerte dir Else den Beischlaf, wegen der Angst, wie sie sagte, die sie dabei ausgestanden hatte als Unverheiratete. So hast du es mir erzählt.
Dann, 1940, wurdest du "eingezogen", Ostfront an verschiedenen Abschnitten. Du warst einfacher Soldat und hast selber alles dazu getan, dass das so blieb. Aber da deine Kameraden wussten, dass du Pfarrer warst, verlangten sie dich auch als Seelsorger. Wo täglich gestorben wird, wo die "Eingezogenen" "fielen", pflegt die Bereitschaft der Menschen, sich auf einen Gott einzulassen, größer zu werden. Feldgottesdienste zu halten war dir nicht erlaubt, denn du warest nicht Kriegspfarrer. So oft es aber möglich war, hieltest du Andachten in kleinen Kreisen und teiltest da auch das Abendmahl aus, Kommissbrot und Wasser, denn Wein gab es nicht, und Schnaps wolltest du nicht nehmen. An Novalis und sein Gedicht dachtest du damals nur selten und wie an etwas aus einem ganz fernen Leben. Um theologische Feinsinnigkeiten ging es hier nicht. Es ging häufig darum, bei Sterbenden zu sein. Wenn dir der Kopf etwas frei war, dann dachtest du an Regina und an Else und daran, dass du es mit deiner Ehe, bei allem Verzicht, richtig gemacht habest. Geschrieben hast du ihr aber selten, konventionell, keine Liebesbriefe.
Else wohnte wieder bei ihren Eltern und verrichtete weiterhin ihre kirchlichen Dienste, und es genügte ihr so. Der Krieg spielte in ihrer kleinen pommerschen Stadt lange Zeit keine Rolle. Dass bei ihr eine Totaloperation nötig geworden war, erfuhrst du noch an der Front. Keine Gebärmutter mehr - keine Kinder, nun endgültig nicht. Sie empfand es als Strafe dafür, dass sie sich dir hingegeben hatte vor der Ehe, du als Strafe für die manchmal begeisternden, manchmal öden Begegnungen mit ukrainischen Mädchen. Dein Geist war willig, dein Fleisch aber schwach - oder sehr stark, das kam auf den Standpunkt an.

Als du 1950 aus der sowjetischen Gefangenschaft zurückkamst, nach Berlin, fandest du Else dort wieder bei Verwandten, die sie als Flüchtling aufgenommen hatten. Du bekamst deine zweite Pfarrstelle und eine Dienstwohnung in dem Gemeindehaus mit der grün-weißen Tür und hast den sich entglittenen Pfarrer abgelöst, den ich bei der Beerdigung von Paula Reich gesehen und gefürchtet hatte. Und ich war seit 1952 deine Konfirmandin. Von nun an saß ich dienstags von ½ 5 bis 6 Uhr in der ersten Reihe im Konfirmandenraum im Erdgeschoss des Gemeindehauses vor dir, immer in der ersten Reihe, und blickte dich unverwandt an und zog deine Augen auf mich, und das war nicht schwer, wie mir schien, und sog deine Stimme in mich ein und liebte dein ernstes Lächeln, und weil ich dich liebte, liebte ich Jesus Christus, von dem du sprachst, und lernte Bibelverse und Gesangbuchlieder auswendig. Und wenn ich auf die neue Armbanduhr schaute, die ich besaß, aber nur zum Konfirmandenunterricht tragen durfte, dann einzig deshalb, um zu sehen, wie viel Zeit von dieser köstlichen Zeit noch übrig sei, in der ich dich, Johannes, ansehen und an deinen Lippen hängen durfte. Einmal hast du mir einmal flüchtig über die Haare gestrichen uHaare gestrichen und hast dabei gesagt: "Du bist ein feines Mädchen." Es traf mich zuinnerst, denn mehr als oberflächliche Anerkennung für Schulzeugnisse war ich aus meiner Familie nicht gewöhnt. Dass es das überhaupt gab, dass einer mit einem einzigen Wort ein Wesen erfasste und das sagte! Und dass es mir galt! Aber war ich denn so, "fein"? Und was war das? Aber dir glaubte ich. Alles, damals.
Wenn ich dich zufällig auf der Straße traf, und das kam vor, denn wir wohnten ja in derselben, dann grüßtest du mich, die 12-, die 13-jährige Göre, indem du den Hut zogst, mir wohl auch die Hand gabst und ein paar unverbindliche Sätze sagtest, wie man sie eben zu Kindern sagt. Immerhin bliebst du stehen, um diese Sätze zu sagen. Leicht hättest du ja einfach vorbei gehen können. Nicht einmal den Hut hättest du ziehen müssen, aber das war wohl eine automatisierte Geste und bedeutete nichts. Ich kam mir sehr erwachsen vor, wenn du bei mir stehen bliebst, aber auch sehr auf Distanz gesetzt, weil es erkennbar nur small talk war, den du mir widmetest; der hieß nur noch nicht so. Längst denke ich, du habest mir damals schon durchaus anderes sagen wollen, Liebevolles, Begehrliches, aber dich dazu gezwungen, es nicht zu tun. Natürlich konntest du bei solchem Zusammentreffen nicht etwa meine Hand länger in der deinen behalten, als ein kulturüblicher Händedruck erlaubt, das war mir schon klar. Noch viel weniger konntest du mir übers Haar streichen, aber eben weil beides nicht möglich war, wollte ich dich auf der Straße lieber nicht treffen. Die Frage, ob du bei allen deinen Konfirmanden stehen bliebst, wenn du sie zufällig trafst, und du musstest doch viele kennen, die stellte ich mir anfangs nicht, und als ich es dann tat, glaubte ich: Ja, das tätest du. Das Gegenteil anzunehmen, kam mir ungeheuerlich vor.
Wenn ich dich im Gottesdienst sah, dich predigen hörte, war schnell der Zauber wieder da, der dich für mich umgab und umgeben musste und der auf der Straße fehlte. Daher gehörtest du nicht auf die Straße wie jeder gewöhnliche Mensch, sondern auf die Kanzel. Erhöht musstest du stehen, durch einen Talar ausgezeichnet vor allen anderen und durch die eindringlichen Worte deiner Predigten, in denen du die Gemeinde mit 'du' anredetest, jeden Einzelnen. Niemand sollte deinen Worten entkommen können, und ich hätte sie am liebsten unendlich lange, nie endend in mich eingesogen. Deshalb ging ich in jeden deiner Gottesdienste, vormittags oder abends. Und durfte bleiben, wenn an den Gottesdienst sich das Abendmahl anschloss, das hattest du selbst so verfügt, denn ich hatte mich bei dir beklagt, nachdem ich einmal vom Küster herausgeschickt worden war. Wirklich teilnehmen durfte ich als Konfirmandin ja noch nicht, aber eben dabei sein und mir ausmalen, wie es sein würde, wenn du mir das Abendmahl reichen und den Segen erteilen würdest, dann ganz legitim deine Hand auf meinem Haar. Und eines Tages würde es so sein.
Als Person warst du, der damals 42-jährige Johannes, vermutlich nur für mich so über die Maßen anziehend, wie du es warst. Aber das, wovon du sprachst, das musste pubertierende Mädchen zutiefst aufregen. Denn du sprachst über etwas, worüber noch niemand mit uns gesprochen hatte, über Sexualität, mit vielen uns allen unbekannten Einzelheiten. Du legtest die 10 Gebote aus, am längsten aber das fünfte und das sechste: "Du sollst nicht töten." "Du sollst nicht ehebrechen." Atemlos und erregt hörten wir 12-, dann 13-Jährigen, wovon dieser Mann, du, Johannes, zu sprechen wagte. Immer noch erregt erzählten wir es haarklein am folgenden Morgen auf dem Weg zur Schule denen weiter, die erst mittwochs bei dir Konfirmandenunterricht hatten, und den Bedauernswerten, die überhaupt nicht in deinen Unterricht gingen und dergleichen nicht hörten. Das waren nur wenige, denn der Pfarrbezirk und der Schulbezirk deckten sich zum Teil, und die Jugendweihe war zu Anfang der 50er Jahre noch durchaus nicht allgemein durchgesetzt. Den Jungen erzählten wir natürlich nichts. Sie hatten getrennt von den Mädchen wie den Schul-, so auch den Konfirmandenunterricht.
Im ersten Sommer des Konfirmandenunterrichts lernte ich Hajo kennen und bald lieb haben, so früh. Und bald auch berührten wir uns, die wir von unseren Eltern für unschuldige Kinder gehalten wurden, auch an Stellen, die nicht "unschuldig" berührt werden, sondern voller Lust. Solche Lust kannte ich aus meinen Selbstbefriedigungen. Die Liebe zu Hajo und die schwärmerische Verehrung für dich - oder war es doch mehr? - konnte ich aber trennen, vor allem, weil du ja unerreichbar alt warst.
Von dir erfuhr ich nicht weniger als meine gesamte sexuelle Aufklärung. Ich hörte alles, was mit Miteinander-schlafen und Zeugung und Geburt zu tun hatte, aber auch, und mit mindestens gleicher Intensität, was eine Abtreibung war, zuerst von dir, Johannes. Warum erklärtest du uns das? Du wolltest uns vor etwas warnen, dachte ich mir, dachten wir uns. Das genügte als Erklärung, obwohl es ja eigentlich keine war. Warum du aber immer wieder auf dies erregende Thema zurückkamst, das fragten wir uns nicht. Denn wir wollten diese Erregung immer wieder, die du dienstags nachmittags in uns auslöstest. Hat tatsächlich niemand von uns seinen Eltern über diesen ungewöhnlichen Teil des Unterrichts erzählt? Leicht hätte man dir das doch untersagen können, dein Superintendent, denn sexuelle Aufklärung ist keine Glaubenswahrheit, die zu lehren du verpflichtet gewesen wärest. Aber es wollten wohl alle, dass du nicht aufhörtest damit. Einen Einspruch von Eltern hat es anscheinend nicht gegeben. Zeugung hatte also nicht nur die Geburt zur Folge, sondern es konnten auch eine Fehlgeburt oder eine selbst herbeigeführte Abtreibung sein, und das pubertierende Mädchen bekam eine dunkle Ahnung davon, dass der Vorgang des Miteinanderschlafens oder des Ineinandergehens, wie du auch sagtest, etwas Wunderschönes sein musste, auch ohne die Absicht einer Zeugung, die Abtreibung aber nicht nur eine "Sünde", sondern außerdem etwas sehr, sehr Trauriges.
Ich weiß nicht mehr, ob im Unterricht jemand die nahe liegende Frage stellte, was ein Mädchen denn aber tun könne und dürfe, wenn es ein Kind erwarte, dass es nicht haben könne, weil es zum Beispiel zu jung sei. Ich jedenfalls stellte diese Frage nicht, die vielleicht die Frage war, auf die du die ganze Zeit gewartet hattest. Ich hatte aber etwas mir viel näher Liegendes begriffen: Nämlich dass jenes sonderbare schöne Gefühl, das nach einer Weile zur Erlösung kommen wollte, wenn ich das Kissen zwischen meinen Beinen bewegt hatte, jener "Höhepunkt" oder "Orgasmus" sein musste - was für ein aufregendes, verbotenes Wort! -, der sich bei der Sexualität zwischen Mann und Frau auch einstellte. Ich weiß nicht, ob du erwähnt hast, dass man ihn auch selbst herbeiführen kann, eher wohl nicht, weil hinter all diesen Erklärungen ja ein Lebensproblem von dir stand. Das hast du mir erst viel später gesagt. Aber damals, während meine Selbstbefriedigungsphantasien bis dahin vor allem lustvolle Quälereien enthalten hatten, glittest nun du in sie hinein. Und dann, in meinem glücklichen Sommer 1953, erlebte ich zum ersten Mal eine wirklichere Wirklichkeit mit Hajo.
Die übliche Konfirmandenzeit hatte natürlich ein Ende, obwohl ich ein Ende nicht wollte. Sie dauerte zwei Jahre. Kurz zuvor, genau drei Wochen vorher, zogen meine Eltern und ich nach Westberlin um mit allen Möbeln. Das wurde damals, 1954, noch mitunter gestattet aus Gründen, denen ich nicht nachgeforscht habe. So hatte nicht einmal mein Vater Bedenken, mich die restlichen Konfirmandenstunden in dem Haus mit der grün-weißen Tür noch besuchen zu lassen. Sechs Wochen später erfuhren meine Eltern über meine Großmutter, noch immer die Hausverwalterin, dass unsere Umzugserlaubnis ein Versehen gewesen war.
Dann kam der Tag der Konfirmation. Es gibt ein unscharfes Foto davon, wie du mit deiner "Konfirmandenmädchenschar", das war dein Wort für uns, vom Gemeindehaus zur Kirche gehst, also über den Hof, wo ich vor einigen Monaten einen Zigarillo geraucht habe. Schwarz gekleidet waren wir natürlich alle, trugen ein Kleid, das genau nur für diesen einen Anlass gefertigt, gekauft oder geborgt war. Solche Traditionen wurden noch völlig unbefragt befolgt. Kleine weiße Blumensträuße hielten wir in den Händen und ein Gesangbuch. Mein Kleid hatte natürlich meine Mutter genäht wie alle meine und ihre Sachen. Das konnte sie gut. Den Stoff hatten die rheinischen Verwandten geschickt, schwarzen Taft, und auch das Geld für die feinen schwarzen Schuhe. Noch waren es welche mit flachen Absätzen.
Dann begann der Gottesdienst, und endlich kam der Augenblick, den ich lange schon ausphantasiert hatte: Ich kniete vor dir auf einer der Stufen zum Altarraum, dem schauerlich kitschigen riesigen neugotisch eingefassten Altarbild mit dem auferstandenen und nach oben weisenden Christus gegenüber, um den Segensspruch zu empfangen, mit dem ich in die Gemeinde seiner Gläubigen aufgenommen wurde. Und das bedeutete, dass du mir die Hand aufs Haar legen, mich also ganz eindeutig berühren und mich segnen würdest. Hajo war dabei, fast versteckt in einer der letzten Bänke unter der Orgelempore. Als Sohn gläubiger Sozialisten war er nicht getauft und nicht konfirmiert und ging sonst nicht in eine Kirche außer bei seinen Stadterkundungen. Aber er hatte mir versprochen, zu meiner Konfirmation eine Ausnahme zu machen, und hoffte einfach, dass niemand ihn erkannte. Von meiner Familie war mein Vater nicht mitgekommen. Er hat den Osten nie mehr betreten. Erregt kniete ich da, vor mir du, Johannes, irgendwo hinter mir Hajo. Für meine Empfindung knieten viel zu viele Mädchen mit mir auf den Altarstufen und teilten mit mir, was ich allein haben wollte. Es störte mich auch, dass ich nicht mit meinen Augen deine auf mich ziehen konnte, wie es dienstags während der Unterrichtszeit immer so leicht gelungen war. Denn jetzt musste ich ja den Kopf gesenkt halten. Aber es ging wieder eine meiner magischen Erwartungen in Erfüllung: Ein Spruch nämlich aus dem Johannes-Evangelium oder aus den Johannes-Briefen musste mir gesagt und mitgegeben werden, so hatte ich es als selbstverständlich angenommen, und es geschah tatsächlich: "So wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde." Das steht im ersten der drei kurzen Briefe des Johannes. Viel später erst habe ich verstanden, dass hier ja von dem die Rede ist, was in der Kirche später Eucharistiefeier oder Abendmahl genannt wurde. Gern würde ich wissen, was du gedacht hast, als du mir diesen Spruch aussuchtest. Hast du es mit Bedacht getan? - Die Konfirmation endete übrigens nicht mit dem Abendmahl, wie ich lange gedacht hatte. Dahin ging ich zuerst in Mariendorf. Die Frauen meiner Familie begleiteten mich. Ich konnte es nicht verhindern. Dies erste Abendmahl bedeutete mir gar nichts, weil sie dabei waren und du nicht.
Es ging dann mit dir, Johannes, wie es zu erwarten gewesen war, wir verloren einander aus den Augen, d.h. ich dich, denn du hättest mich sicher nicht gesucht. Du hattest du mich aber nicht vergessen. Du erzähltest mir später, was ich natürlich auch nicht vergessen hatte, wie es gewesen war, als du bald nach unserer Konfirmation in eine andere Gemeinde versetzt wurdest und es einen Abschiedsgottesdienst gab, an dessen Ende alle dir die Hand reichten, viele dir noch etwas sagten, in langer Reihe darauf warteten, ich als allerletzte. Denn wenigstens jetzt solltest du doch die Gelegenheit haben, mir zu sagen, wo du zu finden sein würdest, solltest meine Hand diesmal ein wenig länger halten, als es zu einer förmlichen Verabschiedung nötig war. Aber ganz und gar unverständlicherweise, wie ich fand, gabst du dich, als sei ich dir fremd. Kalt und förmlich hast du dich verabschiedet, nicht anders, als seien wir uns auf der Kuglerstraße zufällig begegnet und gingen nun jeder seines Wegs. Nein, noch schlimmer war's. Todestraurig, in sicherer Entfernung dann laut heulend, verließ ich die Kirche. Aber diese scheinbare Kälte war in deinem Innern nicht wahr gewesen. Natürlich habest du mich erkannt, sagtest du später, habest mich warten sehen am Ende der Reihe, den Impuls in dir gespürt, mich in den Arm zu nehmen, aber habest das doch nicht wagen dürfen, habest doch nur deine Zuflucht nehmen können zu dieser Förmlichkeit, um dich vor dir selbst zu schützen. An welcher Gemeinde du künftig arbeiten würdest, das hatte wahrscheinlich jemand am Anfang des Gottesdienstes gesagt, und du konntest annehmen, dass ich es ja leicht erfahren konnte, z.B. in derselben Berliner Kirchenzeitung lesen, in der ich es sechs Jahre später fand. Es mir zu sagen, hast du mir später erklärt, wäre doch eine Einladung gewesen, zu dir zu kommen, und nicht nur zum Gottesdienst.
"Eine Versuchung warst du für mich schon damals, Ursa. Nur das hast du noch nicht gewusst mit deinen 14 Jahren. Hättest du mich gefragt, da am Ende der Schlange, welches meine neue Gemeinde sei, so hätte ich es sagen müssen. Aber ich hätte dann dazu gesagt, dass dein Konfirmandenunterricht ein Lebensabschnitt für dich gewesen sei, der nun beendet wäre, und dass du dir eine neue Gemeinde an deinem neuen Wohnort suchen solltest. Ich habe dich damals schon begehrt, aber dass du zwischen Verehren und Begehren noch nicht unterscheiden konntest, das sah ich immer in deinen Augen, wenn du die meinen auf dich zogst, in dich zogst. Aber vergiss auch das nicht: Weil du erst 14 warst, hätte ich mich doch strafbar gemacht, wenn ich dich auch nur berührt hätte. So musste ich mich vor meiner eigenen Begehrlichkeit schützen. Dass du zu gleicher Zeit eine lebendige Liebe hattest, du Frühreife, von der du mir erst jetzt, viele Jahre danach, erzählt hast, hätte mich um so mehr zur Zurückhaltung verpflichtet, wenn ich es gewusst hätte."

Dein Bild blieb in mir, Johannes, während ich heranwuchs, zwischen 15 und 20 ohne Freund, denn für Hajo und mich war mein Umzug nach Westberlin beinahe schon die Trennung, da er nicht in den anderen Teil der Stadt kommen, nicht einmal schreiben durfte und meine Besuche selten waren, weil ich sie ja den Eltern gegenüber lügenhaft begründen musste und nach einem Jahr als Last zu empfinden begann. Nach einem einzigen Flirt mit 15 lebte ich fast ohne einen weiteren, als müsste ich die frühe Liebe zu ihm und die frühe Liebesverehrung zu dir bezahlen. Ich lebte fleißig und zu wenig fröhlich, sehnsüchtig nach einem Freund, ersatzweise um Frommsein bemüht. So lebten aber alle Mädchen in meiner Klasse in Berlin-Lichtenrade. Dass ihr beide aus meinem Leben fort wart, du und Hans Joachim, das nahm ich als unvermeidbar hin. Ihr habt euch beide verwandelt in ferne Idole, die Erlebnisse mit euch wurden zu Mythen, die in meiner Erinnerung zu erhalten mir genügte. Dass ich euch beide wiedersehen würde, fiel mir nicht einmal als Wunsch ein.
Ich suchte also nicht herauszufinden, was ich dich, Johannes, nicht gefragt hatte in dem Entsetzen über die Kühle unserer Verabschiedung: an welcher Kirche du nun predigtest. Und gehört hatte ich es nicht. Jemand musste es doch gesagt haben. Aber als ich es zufällig erfuhr, als ich es las in dem genau auf der richtigen Seite aufgeschlagenen Kirchenblättchen in der Wohnung meiner Großmutter, war ich nicht einmal sonderlich überrascht, denn es schien ja die alte Magie zu sein, die sich zwischen uns erneut bewährt hatte. Ich fuhr zu einem deiner Gottesdienste, sah dich nur von fern, suchte aber nun deine private Adresse heraus, schrieb dir und besuchte dich, denn du ludest mich ein und nicht in dein Amtszimmer, nun ein 20-jähriges "Beichtkind" mit vielen religiösen Fragen, eine Studentin im ersten Semester und zugleich eine begehrliche junge Frau, die aber die Begehrlichkeit nicht in ihr Bewusstsein aufsteigen ließ.
In deinem kargen Arbeitszimmer saßen wir an einem Tisch über Eck. Fragen zum Abendmahl stellte ich dir, die mich damals sehr bewegten. Hörtest du also zu oder noch zu, als du meine Hände, die, zufällig oder nicht, gefaltet auf dem Tisch lagen, mit deiner Rechten bedecktest? "Als ich damals Deine Hände nahm - sie waren feucht vor Spannung -, ließest Du sie zitternd in meinen Händen liegen", schriebst du später darüber. "Wir schwiegen lange und empfanden nichts mehr als unsere klopfenden Pulse. Dann zeigte ich Dir meine Bücher (ich wollte ja, daß wir nebeneinander standen). Ich legte meine beiden Arme um Dich - Du erschrakst - und legte meine Lippen auf Deinen Mund. Er lag wie ein scheuer Mädchenmund unter dem Druck des meinen. Du hast ihn nicht geöffnet, sondern zusammengepresst. So verraten fühltest Du Dich damals von mir. Denn für Dich war ich ja ein Symbol gewesen, das allem 'Fleisch' und aller 'Lust' sternenweit entrückt war. Und nun dieser Höllensturz!" Ja, ich war steif geworden in deinen Armen und unter den Küssen, mit denen du mich überfallen hast. Es war längst Wollust im Spiel bei dir, aber du bezwangst sie wenigstens, als meine Abwehr deutlich war. Hajo, ja, den hatte ich küssen können, aber doch nicht dich, einen uralten Mann von 50, einen Pfarrer! Ich ging - und fühlte mich unendlich verloren und verraten, so sehr glaubte ich an die Fiktion des Rat suchenden Beichtkindes und machte mir über die eigenen Wünsche etwas vor, und nur deshalb hatte ich ja zu dir kommen können. Später habe ich mich oft gefragt, warum du nicht zu mir gesprochen hast, nachdem deine Hände auf meinen lagen. Warum hast du mich nicht mit Worten sanft gelockt, mir nicht wie einmal vor langer Zeit über die Haare gestrichen, nicht mein Gesicht gestreichelt oder was sonst Zeichen deines Begehrens hätten sein können, von dem du doch wissen musstest, dass ich darauf nicht vorbereitet war. Warum sollte es so schnell gehen, dass ich gar keine Zeit hatte, meine Beichtkind-Fiktion loszulassen? Diese verdammte männliche Schnelligkeit! Wie leicht hättest du mich mit Worten bereit machen können für die Umarmung und den tiefen Kuss! Du zwangst mich nicht, als du meine Abwehr merktest, du hast mich nie zu etwas gezwungen, das ist wahr. Aber es ist doch kein Verdienst. Denn damit hättest du mich ja endgültig verjagt. Das wenigstens war dir wohl klar. Und dies: mir deine Bücher zeigen wollen - das war doch deiner nicht würdig, war eine Lüge, war nichts als ein reichlich plumper Vorwand, um mich zum Aufstehen zu veranlassen. "Wir schwiegen lange". Aber du hättest sprechen müssen, du Mann des Wortes! Warum hast du dich nicht einfühlsamer verhalten, Johannes? Du bist deinem Begehren gefolgt, wie zuvor schon oft. Aber das wusste ich noch nicht. Gehörte es zu unserer Begegnung, dass so viel missverstanden werden musste wie dein Abschied in der Kuglerstraße und dieser erste Besuch am Stralauer Platz, damit die eine einzige erfüllte Begegnung, noch wieder zehn Jahre später, gelang? Das würde ich gern von dir wissen. Aber ich weiß nun, wie oft sich Fragen erst bilden, wenn niemand mehr da ist, der für sie eine Antwort hat.
Und was hätte das denn geheißen realistischerweise, wenn wir zehn Jahre mehr gehabt hätten? Du hättest eine Beziehung neben deiner erstorbenen Ehe gehabt. Aber wie war das denn mit deiner Auslegung des 6. Gebots, Herr Pfarrer? Auf Dauer, wie ja die spätere Zeit gezeigt hat, hättest du auf diese Weise nicht leben können. Ich aber suchte einen Partner fürs Leben, wie man so sagt, und wollte nicht bloß eines Mannes Nebenfrau sein, nicht einmal deine. Ich hätte meinerseits zwar dem ersten Freund jener Jahre eine Nebenbeziehung wahrscheinlich sogar zugemutet, ohne ihm davon zu sagen, weil ich ihn nicht liebte, dem nächsten Freund aber nicht. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Männer nehmen sich da viel mehr heraus. Die Männer, mit denen ich verheiratet war, haben das auch getan, nach angeblichem Bedürfnis, nach Belieben und Gelegenheit.
Briefe habe ich dir dann geschrieben mit tiefsinnig gedachten theologischen Problemen darin. Ich hatte diese Fragen alle. Und sie waren auch kein Schein-Tiefsinn, und sie waren, soweit mir das erkennbar gewesen ist, nicht vorgeschoben und hätten Antwort verdient. Aber du hast kaum darauf geantwortet. Dir war nur wichtig, dass du mich begehrtest und meintest, dass ich mein eigenes Begehren, mir bisher unbewusst, hinter solcherlei Fragen versteckte, dass sie nur diesem Verstecken dienten, dass ich nur einen Vorwand suchte, um dir zu schreiben. Du hast sie also nicht ernst genommen. Und die Wahrheit, nämlich eben dein Begehren, die glaubtest du mir nach dem einen Misslingen nicht noch einmal zumuten zu dürfen. Meine Gedanken an dich gingen mir nie verloren über meinem Alltag, und ganz, ganz langsam erlaubte ich mir zu denken, dass es wahr sein könnte, trotz aller meiner Entrückungsversuche wahr, dass du mich begehrtest - und ich dich.
Erst einmal gelang auch eine weitere Begegnung nicht. Diesmal war ich es, die in einer konkreten Situation die Initiative hätte ergreifen müssen. Das heißt: Ich hatte sie sogar ergriffen, aber halbherzig. Diesmal war das sachlich-theologische Problem wirklich ein Vorwand, und ich wusste es. Ich lud dich ein in unseren Lichtenrader kirchlichen Studienkreis zu einem Referat. Wie dein Thema hieß, weiß ich nicht mehr. Über Kirche im Sozialismus könnte es gegangen sein oder vielleicht über Dietrich Bonhoeffer, dessen Schüler du ja gewesen warst. Wir fuhren zusammen zurück in der Straßenbahn 99. Und ich habe dir nur gesagt, eine Station vor meiner Haltestelle, an der Tauernallee müsse ich aussteigen, habe dir damit wenig Zeit zu einer Entscheidung gelassen und habe dich nicht gefragt, ob du mich nicht ein Stück weit nach Hause begleiten wolltest. Und du wagtest nicht, das von dir aus anzubieten. Zu bedrückend war wohl die Erinnerung an unsere missglückte erste Begegnung ein Jahr zuvor. Aber warum, Johannes, warum konntest du denn nicht inzwischen das Zeichen verstehen, den Vorwand als solchen durchschauen, also die Einladung nach Lichtenrade, warum konntest du nicht die Chiffre als Klartext lesen? Wieder verließ ich dich und war wieder zutiefst enttäuscht, aus anderem Grund nun als ein Jahr zuvor.

Dann war in Berlin die Mauer gebaut.

Wir fuhren fort, einander zu schreiben; selten, kurz, karg. Aber du hast geschrieben, immerhin doch das, hast einen dünnen Faden von dir zu mir nicht abreißen lassen. Inzwischen haben wir das sicher beide so verstanden, dass wir den Kontakt deshalb nicht aufgeben wollten, weil zwischen uns noch etwas ausstand.
Dann schriebst du einmal einen ganz langen Brief, teils in Französisch. "Viens! Nous serons tout seuls dans ma chambre." Nun erst begriff ich wirklich, begriff auch den missglückten ersten Besuch, die verpasste Gelegenheit nach dem Lichtenrader Vortrag. Drei weitere Jahre waren inzwischen vergangen.
Ich wollte kommen und kam mit einem Passierschein, wie es sie inzwischen gab, nämlich nur für Verwandte. Angeblich wollte ich einen Onkel besuchen. Einigermaßen tollkühn war das, denn die Ostberliner Behörden hätten ja herausfinden können, dass ich gar keinen Berliner Onkel hatte. Aber darüber machte mir keine Sorgen. Die machte ich mir nicht einmal, als man am Grenzübergang Friedrichstraße, provisorisch erst hergerichtet, noch nicht der "Tränenpalast" späterer Jahre, auch noch mein Mitbringsel beanstandete, weil es ein Buch von Siegfried Lenz war, der in Lyck in Ostpreußen geboren ist. "Ostpreußen", diese Bezeichnung für einen Teil der ehemaligen deutschen Ostgebiete, war politisch nicht korrekt in der DDR, sie stand unter Revisionismus-Verdacht. Eine halbe Stunde wurde ich in einer Baracke festgehalten - sollte ich sie als Zelle verstehen? -, bis ein Offizier kam und sagte, "einführen" dürfe ich ein solches Buch nicht, aber bei der "Ausreise" wieder abholen. Das tat ich dann lieber doch nicht.
In deinem Zimmer war's, demselben also wie beim ersten Mal, dass du mir den 'Onkel' fortgeküsst hast. Unser erster Kuss, jetzt erst, jetzt von beiden gewollt und genossen. Aber allein waren wir nur kurze Zeit. Else, deine Frau, war nicht nur nicht weggefahren, wie sie gesagt hatte, sondern hatte zwei alte Tanten zu Besuch, denen auch du dich immer wieder widmen musstest, um nicht allzu sehr aufzufallen mit eigenem Besuch. Es hieß, sie würden bald gehen. "Da saßest Du in meinem Zimmer auf mich wartend - weißt Du's noch? da, wo ich Deine Hand zuerst gehalten habe -, und ich kam zu Dir, alles auf die halbe Stunde setzend, zog Dich zitternd vor Verlangen hin zu mir, zog Dich in meine Arme, glitt mit meinen Händen über Deine Schenkel, presste eins der Knie in die Spitze Deines heißen Schoßes, leise auf und niederdrückend, während unsre Münder ineinander sanken. Damals schlugen alle Wellen über uns zusammen.
Ach, wie gerne wäre ich an jenem Tag
ganz tief in Dich eingedrungen.
Ach, wie gerne - wären wir allein gewesen -
hätt' ich Dich entkleidet - schnell? nein, langsam! -,
hätte Dich entblößt und Dir die schöne Scham geküsst
sanft und zart mit streichelnd-warmer Zunge,
bis Du unter mir vergangen wärst -
und wir hätten uns sechs lange Jahre früher schon gekannt
und erkannt, was wir schon lange wussten:
dass wir Leiber sind, die aufeinander
all zu lange schon vergeblich warteten
und nun endlich zueinander fanden
und nach immer neuer Stillung lechzen,
nach dem Leib und Blut des andern,
dass der eine eingeh' in den andern
wie ein Becher sich ihm mitteile,
der mit Wein gefüllt ist bis zum Rand,
dass er trinke, trinke, trinke tiefe Wollust -
mehr und mehr und lange, bis der Rausch,
der süße, wunderbare, alle Glieder, alle Nerven löst,
bis die Lippen, weil die Lust zu groß ist,
keine Worte sagen können, nur noch 'ah' und 'oh' und 'mehr',
schreiend, seufzend, lachend, weinend.
Was für ein bitterer Abschied war's in Wirklichkeit, so hastig und so unerfüllt für uns beide. Damals schrieb ich Dir die Briefe, die ich später als wahnsinnige Phantasien bezeichnete und Dich wegzuwerfen bat, die aber gar keine Glossolalien waren - Du hast ganz recht -, sondern Ausdruck meiner glühenden Sehnsucht, Dich zu begatten, und Verlockung zur Liebe in all den Variationen, die der von Begierde geschürte Geist zu erfinden imstande ist."
Die bittere Wirklichkeit des hastigen Abschieds benanntest du genauer nicht. Sie war so, dass Else in dein Zimmer kam, wo ich allein saß, und mir in reichlich schroffen Worten zu verstehen gab, dass es sinnlos sei für mich, noch länger auf ihren Mann zu warten. Sie hat mich also ganz einfach rausgeschmissen. Sie hat dich natürlich gut gekannt und deine früheren Eskapaden. Sie hat also geahnt oder gewusst, weshalb ich wartete. Vielleicht hing der Geruch unseres Begehrens im Raum.
Ja, es kamen nun viele Briefe von dir, manchmal zwei am Tag, viele Passagen französisch, "viens", "komm' endlich, Geliebte", wollüstig, rasend vor Begehren, geschrieben, um mich in die Ekstase zu versetzen, in der du wieder warst, aber auch, um dich selbst an der eigenen Ekstase aufzugeilen. Du begehrtest mich mindestens in Gedanken. Luther in seinem Katechismus, den du doch lehrtest, fand, schon das sei Ehebruch.
Ich hatte inzwischen einen neuen Freund gefunden und glaubte an eine Zukunft mit ihm. So endeten diese deine brieflichen Ergüsse in dankbarer Erkenntnis auch deinerseits, dass unser Begehren nach einander sich nicht würde realisieren lassen. Pfarrer du! Verheiratet! 30 Jahre älter! Die Mauer zwischen uns! "Denk nicht mehr an die Schatten, die meine Briefe warfen, zurück", hieß es nun. "Es waren irre Träume - wie Worte eines Fremden, der uns nachschrie. Du fragtest einmal, wie das möglich war. Es gibt Abgründe in manchen Menschen, über denen wir erschrecken und uns nur in Gottes Erbarmen zu flüchten vermögen. Aber Gott hält uns auch über solchen Tiefen fest. Ich weiß davon."
Wie denn, Johannes, "irre Träume"? Warest denn nicht du selbst ihr Urheber, sondern ein "Fremder", eine abgespaltene Person in dir, der "Gottes Erbarmen" aber doch Zuflucht war? Nur hattest du das doch schon einige Male erlebt, solche "irren Träume". Und der "Fremde" und du, ihr müsst euch recht gut gekannt haben. Als "irre Träume" dich nun wieder getroffen hatten, dich wieder fast zerrissen, da überließest du dich ihnen dennoch erneut, lebtest dennoch wieder anders, als du predigtest, sahest die Abgründe doch wohl, die sich abermals auftaten - aber hast auch jetzt nicht vermocht, dich vor ihnen zurückzuhalten, und hast die Rettung noch einmal vom selbst gemachten Bild des immerfort barmherzigen Gottes erwartet. Oder wie sonst?
Du schicktest nochmals über einige Jahre hin Briefe mit freundlichen Erkundigungen nach meinem Ergehen, seltene Briefe wieder, denen du aber gelegentlich Predigttexte beigelegt hast, auch Texte von neuen Kirchenliedern, die du geschrieben und vierstimmig in Musik gesetzt hattest. Das sei deine Welt, in der du leben und von nun an ausschließlich leben wollest. Und es komme doch für alle deine Arbeit darauf an, dass du ungespalten leben könnest. Wohl, du wusstest es.
Bei mir gelangen Liebe und Ehe nicht. Klar geworden aber war mir: In dem Freund hatte ich dich gesucht, Johannes, den zugleich Gläubigen und Wollüstigen, den Ernsten, der Intellekt und Gefühl in einer für mich unübertroffenen Weise vereinigte. Ich hatte dich auf ihn projiziert, er sollte sein, wie ich damals glaubte, dass du seiest, aber er war der nicht, der er sein sollte. Auch dich wollte ich so, wie du mir passtest: als den, der in ein paar Stunden mich mit Geist und Wollust erfüllen würde, der dies Erleben nochmals, wenn ich es auch wollte, wider schlechteres Wissen suchen, uns schenken würde, selbst wenn er hinterher von neuem daran leiden und wieder davon zerrissen sein würde. Auch ich wusste es ja, weil du es geschrieben hattest.
So suchte, also besuchte ich dich nochmals, wiederum nach Jahren. Unsere Begegnung war noch nicht zu Ende, das spürte ich. Jedenfalls wollte ich, dass sie noch nicht zu Ende sein sollte. Dir neues Gespaltensein zu ersparen, daran dachte ich nicht.

Der da aus dem U-Bahnhof Strausberger Platz heraufkam, erschien mir fremd. Du, der du mich abholtest, warst ein kleiner, mir zuerst alt vorkommender Mann mit Baskenmütze, aber noch nicht grauhaarig. Die geliebten Gesichtszüge, die sensible Mundpartie konnte ich zunächst nicht erkennen. Ein bisschen war ich enttäuscht, ein bisschen empfand ich Genugtuung, weil so schon im Äußeren deutlich schien, dass du ein anderer wärest, als mein Bild von dir war. Immer bisher war ich hinterher enttäuscht gewesen, nachdem ich dich getroffen hatte, weil ich erkennen musste, dass ich dich in der Erwartung mit einer Aura von Zauber umgeben hatte, den du in der Wirklichkeit gar nicht hattest.
Else wollte ich nicht sehen. Deshalb saßen wir in dem Café an der Karl-Marx-Allee. Ich sprach von dem Freund und Mann und unseren Problemen in der Sprache der Tiefenpsychologie, die du nicht kanntest, erstaunlicherweise, und diesmal hörtest du intensiv zu. Es war das erste und leider auch das einzige wirklich partnerschaftliche Gespräch zwischen uns. Da war nichts mehr vom Aufschauen der Konfirmandin zum Beichtvater oder der Tochter zum Vater. Da erinnerten wir uns zusammen an alle Begegnungen, die bisher zwischen uns gewesen waren, die wenigen also, und wirklich: Du hattest keine vergessen. Das bedeutete aber auch: Du hattest nichts aus ihnen gelernt, du warest, zweifelnd und schwankend zwar, aber doch bereit, endlich, endlich mit mir die Lust ganz zu teilen. Wie du für mich, so muss auch ich für dich einen Zauber gehabt haben, vor dem die Vernunft sich davon machte. Es war ein Gespräch von gleich zu gleich zwischen uns auch deshalb, weil du mir nun erstmals - und zum einzigen Mal - von deinem curriculum vitae amoris erzähltest, einem "Minenfeld", wie du gesagt hast. Damals erfuhr ich aus deinem Leben das, was ich oben mitgeteilt habe.
Und ich erfuhr von Renate. Zum ersten Urlaub nach der Kriegsgefangenschaft wart ihr beide, du und Else, an die Ostsee gefahren, 1951, hattet ein bescheidenes Quartier in einem Fischerdorf gefunden. Else ging es nicht gut, und sie blieb oft allein dort. Indessen ranntest du am Strand entlang. Ja, "ich rannte", das hast du auf meine Nachfrage bestätigt, und du versuchtest dir alle die Wünsche und Gefühle aus dem Leib zu rennen, an deren Erfüllung du nicht mehr glauben konntest. Warst du denn nach 10 Jahren Krieg und Gefangenschaft zu einer alten Frau zurückgekehrt, die dich vor der Zeit zum alten Mann machte? Hatte sie ein Recht dazu? Das konntest du ihr nicht zubilligen. Wenn sie aber kein Recht dazu hatte, entstand daraus eines für dich? Soziale Treue (auch dieser Begriff war noch nicht erfunden, aber vielleicht erfandest du ihn damals), aber sexuelle Freiheit? Diese Gedanken trieben dich um, du versuchtest sie dir aus dem Leib zu rennen oder dir die gefundene Formel rennend zu bestätigen, soziale Treue, sexuelle Freiheit, soziale Treue, sexuelle Freiheit, Treue, Freiheit, Treue, Freiheit ... Du fielst auf durch dein atemloses Rennen, das dich immer wieder zum stehen bleiben zwang, fielst ihr auf, Renate, die da eben auch Urlaub machte an der Ostseeküste, 25 Jahre alt, Angestellte in irgendeinem Ministerium und begeisterte Sozialistin. Sie glaubte an eine neue Moral - weg mit den bürgerlichen Vorstellungen von Ehe und Familie, selbst wenn die Partei das gar nicht gern sah, weil sie ihre Mitglieder an möglichst kurzer Leine führte. Aber im Urlaub war Renate bereit, auch die Partei zu vergessen.
Für dich war sie Renata, war Regina rediviva, die dir nochmals erstandene Regina, wie du sagtest, fast noch so jung, wie jene nie Vergessene gewesen war. Und wie ihr beide, Regina und du, vor nun langer Zeit im Kirchturm bei den Glocken zusammen gelegen hattet, so lagst du jetzt zusammen mit dieser jungen Frau in den Wäldern und in den Dünen, und alle deine Wollust, so lange neben Else unterdrückt und in der Gefangenschaft nur in Onaniephantasien gelebt ("Ist das schlimm, Ursa?"), war wieder in dir. Ihr habt euch nichts verboten und einander genossen in jeder Weise der Hingabe, und wieder hast du alle Gedanken an die nachfolgende Depression verdrängt ("Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit, kennst du das, Ursa?"). Auch als du mir dies Erlebnis erzähltest, hast du noch nicht davon gesprochen, dass du in manisch-depressiven Wechseln lebtest und dass du die Euphorie solcher Begegnungen wie jener beiden vergangenen und unserer gegenwärtigen gebüßt hattest und würdest büßen müssen.
Du hast das Kind gezeugt, das sie von dir wollte, oder du meintest es wenigstens. Denn ein Kind, beinahe egal, mit wem, wolltest du um all der Kinder willen, die Else dir erst zu zeugen verweigert hatte und die sie dann nicht mehr empfangen konnte. Und wie hast du dir das eigentlich gedacht, Johannes, der du nichts gelernt hast aus allen deinen Affären? Sollte sie das Kind allein aufziehen, wolltest du dafür bezahlen und es gelegentlich einmal besuchen? Und im Übrigen werde Gott die Sache schon richten? Hast du überhaupt begriffen, was das hieß, ein lebendiges Kind zu haben? Nach dem Urlaub hast du Renate Briefe geschrieben wie später mir ("Kannst du es verzeihen, Ursa, dass du nicht die erste bist?"), und ihr habt euch in Berlin weiterhin getroffen, in ihrem Untermietzimmer. Renate war bald schwanger. Aber ob das Kind von dir sei, das wisse sie nicht, sagte sie nach einigen Wochen, es könne auch von einem anderen Mann sein, denn du seiest nicht der einzige gewesen bei ihr in jener Zeit, der andere Mann sei aber zu seiner Familie zurückgekehrt.
Deine Enttäuschung, deine Trauer, dein Zorn waren grenzenlos. Du hast die Abtreibung von ihr verlangt, und sie war dir gehorsam wie eine Hündin, und du hast daran gelitten wie ein Hund. Jäh seiest du wieder einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgesetzt worden, ernüchtert, zur Raison gebracht, ent-täuscht, erneut gewiesen an den Lebenskreis, den du ja wissentlich gewählt habest, Prediger des Evangeliums zu sein, verheiratet zu sein, auch wenn dir von Else nun sogar der Kuss verweigert werde, weil sie ihn "albern" finde. - Die Abtreibung erfolgte, war lebensgefährlich, aber Renate überlebte. Eine Tochter wäre es gewesen, das hast du noch auf irgendwelchen Wegen erfahren und dass Renate dich nicht mehr, nie mehr, sehen wollte.
Ja, dass du uns Konfirmandinnen so lange das fünfte und das sechste Gebot ausgelegt hast, Johannes, ("Du sollst nicht töten!" , "Du sollst nicht ehebrechen!") und was du über Abtreibung gesagt hast - "Kindesmord" hast du dazu gesagt, ich habe es nicht vergessen! -, das sei der Versuch einer Selbstklärung gewesen. Es habe ja alles damals erst wenige Monate zurück gelegen. Ob es richtig gewesen sei, dich so haben heilen zu wollen, dessen warst du nicht sicher. Oft hast du gedacht: nein.
Es war natürlich nicht richtig, Johannes, wenn ich dir das nach-sagen darf, obwohl du es ja nicht mehr hören kannst. Alles das war nicht richtig, dass du ein Kind hast zeugen wollen als bloß biologischer Vater, dass du von Renate eine Abtreibung verlangt hast und dass du dich durch schier unendlich langes Reden zu "Konfirmandenkindern" von diesem ganzen Problemkomplex angeblich hast "heilen" wollen. Und dass Renates Kind nicht mit Sicherheit auch deins war, das gab dir niemals das Recht, sie zur Abtreibung zu zwingen, du Theologe, du frommer Mann, der du fromme Predigten hieltest und fromme Kirchenlieder schriebst. Und davon zu pubertierenden Mädchen zu reden, das war doch kein Selbstheilungsversuch, sondern es war hinter der Maske des guten Hirten ein Nachgenuss, von dem du nicht genug bekommen konntest. Du hast dich nicht geheilt und gar nicht heilen wollen, sondern du hast dir die Erinnerung an Renate bewahrt durch immer neues Erzählen von ihr. Nur vorgeblich hast du aufklärerisch gehandelt. Wie hast du das Wort und den Zustand "Sünde" damals verstanden? Oder warst du wieder oder sowieso dauernd gespalten in den frommen Pfarrer und den "Fremden, der uns nachschrie"? War es die Gespaltenheit eines Kranken? Ja, das war sie.
Du hast dann drei Jahre vor diesem unserem Gespräch, 1966 also, nochmals ein ähnliches Erlebnis gehabt und dich, nach noch längerer Zeit diesmal, auch davon wieder losgerissen. In solcher doppelten Intensität des Liebens und des Predigens habest du nicht leben können, so hast du zu mir gesagt in dem Café an der Karl-Marx-Allee. Deine Predigten seien zur Intellektualität verkommen gewesen. Und auf meine Frage, ob nicht die Bindung an die Theologie dich das Leben eines großen Liebenden gekostet hätte: "Ja." Aber zum anderen Teil seiest du froh gewesen über diesen Zwang, der dich eben immer wieder gehalten habe in der coincidentia oppositorum, den Gegensätzen in dir, dem Gespaltensein, das nun einmal dein Teil sei. Und immer wieder hat der Zwang deines Amtes dich nicht gehalten, füge ich hinzu. Bei Renate 1951 nicht und nicht bei der Unbekannten, die ihr folgte 1966, und nicht bei denen, die du vermutlich ja in den Jahren dazwischen kanntest, während du das "Minenfeld" deines Lebens durchschrittest, und bei mir 1970 nicht (und schon bei mir 1964 nicht, als du dich und mich in Briefen befriedigt hast, da es nun einmal anders nicht möglich war; in Briefen, die austauschbar gewesen sind mit denen von 1970 und eben doch Glossolalien) - in jedem neuen Erlebnis also hat sich doch das Gehalten-Werden durch den Beruf gerade nicht bewährt. Aber zum Vergeben hattest du dann schnell deinen "Gott" bei der Hand.
Du erschienst mir viel realer in diesem stundenlangen intensiven und intimen Gespräch, als ich dich aus unseren seltenen, immer von mir gesuchten, stets durch viele Jahre getrennten Begegnungen in Erinnerung hatte. Deine Sprache war sehr erdnah, deine Theologie sehr diesseitig, dein Jesus ein Mann, der ein Outsider war und Freundschaft mit den Outlaws der jüdischen Gesellschaft hielt, den Geächteten, eine Freundschaft, die du ganz handfest erotisch verstandest. Wir waren uns damals einig darüber, dass die christliche Kirche die Freiheit des Jesus von Nazareth in Engigkeit und Unfreiheit verwandelt habe. Aber so, wie du ihn dir dachtest, so brauchtest du ihn eben auch, deinen Jesus. Jeder macht sich seine Götter, wie er sie braucht.
Vieles fragtest du diesmal mich. Die Fragen begannen immer mit: "Sag' mal, Ursa ..."; über Tiefenpsychologie, über lesbische Liebe ("Hast du es noch nicht erlebt? Glaubst du nicht, dass es wunderschön sein muss?"), über Ehebruch, über klitoralen und vaginalen Orgasmus. Erstaunt war ich, dass du von Tiefenpsychologie nichts verstandest. Später habe ich gedacht: Kein Wunder eigentlich, denn du hättest dich sonst ja als einen erkennen müssen, der nichts gelernt hatte aus seinen Eskapaden und der den Glauben an den die Sünden vergebenden Gottessohn arg strapazierte.
Von einer besonderen Atemtechnik hast du noch gesprochen und sie mir beschrieben, mit der man die Erregung des Vorspiels verlängern könne ... Ja, wir befanden uns da schon im Vorspiel, unserem einzigen. Wir hätten beide wissen können, auch ich durch deine erste Briefserie, wie das Begehren dich wieder spalten würde. Aber wir dachten nicht daran oder drängten alle Bedenken weg, die die Vernunft uns zuflüsterte. Und es ist wahr: Nach all dem vielen Missglücken unserer Begegnungen war diesmal ich es, die sagte, einmal wenigstens in unserem Leben müssten wir doch miteinander den Orgasmus erleben. Du hast es aufgegriffen: "Wirst du noch einmal die sein, mit der ich keine Grenzen zu kennen brauche?" So war ein Versprechen gegeben wider jede Vernunft und ohne dass einer von uns wusste, wann und wo es eingelöst werden würde. Da war ich fast 30 und du, der unscheinbare Mann mit der Baskenmütze, der aus der U-Bahn gekommen war, du warest fast 60.
Dann musste ich zurückfahren nach Westberlin. Du hast mich begleitet zum "Tränenbunker", dem Glaskasten am S-Bahnhof Friedrichstraße, den es inzwischen gab (und immer noch gibt, nun wahnwitzigerweise als eine Disco). Und angesichts des Abschieds und in der Vorfreude auf ein Wiedersehen stürzten wir uns in die Arme und küssten uns und konnten kaum voneinander finden. Sicherheitshalber blieben wir für diesen Abschied in der Georgenstraße. Schließlich hätte dich jemand erkennen können, meintest du. Ach, und in der Georgenstraße nahebei nicht?
Die Briefe, die nach unserer Verabredung kamen, die trotz dieser Verabredung kamen, waren aber wieder selten und verhalten, betonten deine Ehe und wünschten meiner damals formal noch bestehenden die mögliche Wiederherstellung. Wieder schicktest du einige Predigten mit und einmal ein Foto von dir und Else, aufgenommen in eurem kleinen Schrebergarten, vor der Datsche. Sie, die ich ja nur einmal gesehen hatte, sah darauf deutlich älter aus als du, älter und sehr verhärmt. Du beugst dich wie zärtlich (oder wirklich zärtlich?) zu ihr herab, die auf einem Gartenstuhl sitzt. Sollte ich das nicht deuten als: 'Sieh, Ursa, Else und ich gehören zusammen. Lass uns nicht tun, was wir zu tun vorhatten.' Ich schickte dir zwar den pornographischen Roman, um den du gebeten hattest, aber glaubte im Übrigen aus allem eben eine Bitte um Distanz um deines Seelenfriedens willen entnehmen zu sollen. Ich kriegte sie sogar zu lesen als medizinische Analyse: Du seiest in einer depressiven Phase, und solche wechselten mit manischen, die dir schon manchen Streich gespielt hätten, wie ich ja wüsste. Du wünschtest viele Dinge nicht gesagt, geschrieben oder getan zu haben. Aber du seiest nun in der Hand einer guten Ärztin und bekämst ein hochpotentes Medikament, Melipramin, ein ungarisches. Ich las das Attribut als bittere Selbstironie, aber der pharmazeutische Fachausdruck für besonders wirksame Substanzen heißt so. Es solle bewirken, dass die Phasen der Manien und der Depressionen flacher verliefen und du dich besser in die Hand bekämest, besser mit deinem Leben fertig würdest, und all zu viel werde das nicht mehr sein. Hattest du etwa tatsächlich nun erst alle deine Seitensprünge als Krankheitsanzeichen erkennen können? "Seltsamer Gedanke, der an den Tod", schriebst du melancholisch, aber gefasst, "und doch sollte man nicht ohne ihn sein. Er gehört zur Ganzheit unseres Lebens."
Dann schriebst du noch, deine Frau komme am selben Tag von einem mehrwöchigen Besuch in Westberlin zurück. Sie sei dir ein sehr hilfreicher Freund in allen Dingen. In deiner Sache kenne sie sich aus und denke vieles mit. Das tue dir gut. Denn du kenntest andere Pastorenfrauen, die glatt vernagelt seien. Hättest du eine solche zum Weib, dann wärst du selbst schuld daran. Du wolltest also ganz ausdrücklich sagen, du seiest nicht unglücklich, sondern - auch nach 36 Jahren noch, die ihr euch damals kanntet -, immer wieder froh, diesen Menschen an deiner Seite zu haben. Ach. Nun ein derartiges Bekenntnis.
Und wie sollte ich das denn nicht als Bitte verstehen, dich deine depressive Phase durchstehen, aber mehr noch: dich überhaupt in deiner Welt zu lassen? Dein Brief war aber nicht eindeutig, Johannes, sondern ambivalent. Denn er enthielt auch einige französische Brocken, Sätze wie: "Si j'avais des personnes comme toi dans mon église, dann könnte ich manches anders sagen ..." Ich konnte ja nicht wissen, dass du während der Abwesenheit deiner Frau mir anders geschrieben, aber das Geschriebene nicht abgeschickt hattest. Später, nachdem wir getan hatten, was du nicht hattest tun wollen, las sich das so: "Ich hatte damals einen Brief an Dich geschrieben, in dem ich Dich fragte, ob Du nicht kommen könntest. Aber ich behielt ihn in Unklarheit zwischen Lust nach Dir und Angst vor dem Absprung. Aber als dann Deine Ankündigung kam, Du würdest über Weihnachten nach Berlin kommen und auch zu uns herüber, da wusste ich, dass ich diesmal mein Versprechen, im März 1969 im Café an der Karl-Marx-Allee Dir gegeben als Vorwegnahme unserer Vereinigung, halten wollte. Ich schrieb es Dir eindeutig, aber behielt auch diesen Klartextbrief zurück und schrieb statt dessen auf der Schreibmaschine den allgemeinen und ziemlich nichtssagenden, den Du erhalten hast. Und legte das Foto von Else und mir in unserem Garten dazu, und Du konntest ja nicht wissen, dass es auch eine Einladung vermitteln sollte, nämlich die in unser Gartenhäuschen. Und als Du anriefst und wir uns für den 2. Januar verabredeten - wie solltest Du da also wissen, dass ich zitterte vor Begierde nach Dir? Und so hast Du nur eine sachliche Verabredung herausgehört und warst 'auf nichts gefasst'. Du meine arme Liebe!"
In der Tat: Ich fuhr hinüber nach Ostberlin am 2. Januar 1970 mit der Vorstellung, es würde nun nichts werden aus unserem Vorhaben, diesmal meinem Wunsch vielleicht mehr als deinem. Mich damit abzufinden war mir nicht schwer gefallen. Mit dem, was sein muss oder anscheinend sein muss, konnte und kann ich mich immer verhältnismäßig gut abfinden. Da hattest du aber schon geschrieben: "Wie wird es sein, wenn Du morgen bei mir bist? Ich denke, dass zwischen uns kein Missverständnis darüber ist. Wir werden diesmal ganz allein sein, allein in einem Häuschen draußen am Rand der Stadt. Zum Glück ist eine elektrische Sonne drin. Denn so heiß auch Dein und mein Blut sein mag, zum Lieben braucht man auch äußere Wärme. Und lieben - das wollen wir doch beide! Uns umarmen und Mund in Mund, Schoß in Schoß zusammenliegen. Wie ich Dich streicheln werde, endlich, endlich, mit meinen Händen, die vor Lust feucht werden, feucht von der Wonne, die uns durchströmt! Wie ich Deine Brustwarzen, die hart werden schon von der leisesten Berührung, mit meinen Lippen und Zähnen umspielen und saugend in mich ziehen werde! Wie meine Hand hingleitet zu Deinen Schamlippen, zu Deinem Schoß, zu Deiner Votze!! Und Deine Hände umspielen meinen Phallus und fassen meinen Hodensack ganz eindeutig und süß! Du führst die Spitze meines Penis an Deine Scheide heran, welch rasendes Gefühl! Ich wünschte, dass es kein Ende nehmen möge. Warum ich mir das so vorstellen kann? Weil ich weiß, dass Du es willst."
Und viele, viele Seiten hattest du geschrieben, die im Wort unseren Coitus vorwegnahmen und die du mir mitgabst am Ende dieses Tages, ein ziemlich dickes Büschel, beschrieben in deiner kleinen Handschrift voller origineller Ligaturen, die ich einmal geliebt habe. Das Papier ist schlecht. Es fängt an zu zerkrümeln, wie Jahre zuvor die Blätter der Germanischen Götter- und Heldensagen es taten. Ich versuche deine Briefe zu bewahren, zu konservieren. Ich will nicht, dass sie verloren gehen. Selbst wenn ich sie nie wieder läse - ich möchte sie jedenfalls lesen können, auch wenn du nicht mehr mein Abgott bist. Es sind Lebensdokumente - eines Fremden, der mir entgegengeschrieen hatte und nachschrie und den ich für einen Vertrauten gehalten hatte. In Varianten, so weiß ich jetzt, ist das ein Lebensmuster.
Diesmal holtest du mich ab am Bahnhof Friedrichstraße, und dein Kuss sagte mir, was dein abgeschickter Brief noch nicht zu sagen gewagt hatte. So war ich zuerst verwirrt. Schnee lag. Der Trabi rutschte und drehte sich. Fast hätte es einen Unfall gegeben. Dann wäre es wieder nicht zu der Vereinigung gekommen, die wir beide wollten, ich unwissend-ahnungsvoll, seit ich 12 und seit ich 20 gewesen war. An die Reihe unserer missglückten Begegnungen hätte sich das sehr passend angeschlossen. Aber es ging alles gut. Wir fuhren in das Häuschen am Rand der Stadt, in die Laube in deinem Schrebergarten, wo das Foto von dir und Else entstanden war, dessen Funktion als Einladung mir aber verborgen bleiben musste, wie ich meine. Den Schlüssel dazu hattest du zuvor deiner Frau vom Bund genommen, um die elektrische Sonne hineinzubringen und eine Luftmatratze und Decken und Getränke und Esswaren. Es war eiskalt und blieb es trotz des Heizofens. Aber da liebten wir uns und taten alles, was du vorausphantasiert hattest. Ja, wir liebten uns, schier endlos, und alles, was wir taten, erschien uns gut so, während es geschah. Oft sind Dinge schal geworden, wenn endlich geschieht, was lange, lange gewollt war. Diese Begegnung, unsere einzige, war nicht so, war eine Erfüllung, als sei sie - aber so kann man dergleichen doch nicht aufrechnen wollen! -, als sei sie in ihrer Fülle die Entschädigung für alle missglückten Begegnungen gewesen und als sei es auch, jetzt nur von mir aus gedacht, richtig gewesen, immer wieder zu kommen, bis einst gelänge, was ich unbewusst seit je gewollt hatte.
Deine Bedenken, dein Wissen darüber, dass du diese ehebrecherische Begegnung wieder würdest büßen müssen wie alle zuvor, hattest du zunächst erfolgreich weit hinten in deiner Seele weggepackt. Der, den du danach wiederum den "Fremden" nanntest, führte Regie. Heute glaube ich nicht mehr, dass es eine Liebesbegegnung zwischen uns gewesen ist am 2. Januar 1970, dass wir uns das beide nur eingebildet haben, weil wir es wollten. Ein sexueller Rausch war es, das ja, mehr aber nicht.
Du schriebst darüber, was du danach nicht lange mehr ausgehalten hast: "Weißt Du, Geliebte, Du, die am brennendsten Verlangen hat von allen, die ich je kannte, was bei Dir so schön ist und sein wird? Dies, dass Du es nicht tierhaft-brünstig nur erlebst, sondern dass es für Dich ist wie ein 'Abendmahl' des Leibes, bei dem eines sich dem andern reicht und gibt, dass es mehr, viel mehr ist als nur die erotische Begegnung mit all ihrem lustvollen Tun, sondern dass es Vereinigung ist, unio mystica, geistiges In-den-andern-eingehen, Sich-ihm-hingeben bis zur letzten Faser, ohne Vorbehalte, ohne Bedenken: Trinken von Deinem Blut, essen Deinen Leib; Du weißt, was ich meine. Du nimmst mich in Dich auf. O Du brennend Liebende, Du hast mich erfüllt mit Dir!"
Ich weiß aber nicht, Johannes, ob ich nicht einfach für dich nochmals Regina war, denn Renate wohl nicht, oder eine andere, von der ich nichts weiß. Was du bei dir zunächst Liebe nanntest, kann ja nichts anderes gewesen sein als wieder die Projektion deines Sehnsuchtsbildes des Zusammenseins mit einer Frau auf eine, die es auch so wollte. Diesmal war ich es. Aber ich war austauschbar, so wie deine Briefe an mich von 1970 austauschbar waren gegen die von 1964. Das hatte ich durchaus bemerkt. Für mich jedoch hatte sich der Kreis meiner Liebe zu dir geschlossen. Und dafür, denn ich war viel realistischer als du, genügte mir eine einzige Begegnung. Die allerdings hatte ich unbedingt gewollt, ohne Rücksicht auf die Probleme, die bei dir folgen würden und die ich ja kannte aus deinen Erzählungen. Aber von diesem Wissen hatte ich mich für dies eine Mal um meiner Lust willen dispensiert. Da mochtest du zusehen, hinterher, mit dir allein. Wer war denn der Gläubige? Ich nicht mehr.
Durch die Mauer zurückgefahren war ich nach einem Abschied, der wiederum schier nicht enden wollte. Wochenlang kamen jetzt wieder deine Briefe und ganz frühmorgens manchmal Anrufe. Es war die einzige Tageszeit, wo solche Gespräche ohne allzu lange Wartezeiten möglich waren. Einmal brachte mir jemand ein Tonband, auf dem du zu mir sprichst und unser Zusammensein nacherlebst und ein neues vorwegnimmst, das es nicht mehr gegeben hat. Eine Lieblingsvorstellung von dir kam wieder vor: In mir sterben, aus dem kleinen Tod der Liebe übergehen in den umfassenden. "Sieh, Liebste", schriebst du dann, "Du hast vielleicht Angst, wenn Du das hörst. Es ist ein Wunsch, der bei Männern in meinem Alter nicht selten ist. Ich erhalte schon manchmal das rote Stoplicht angezeigt. Ich glaube, dass ich nicht mehr allzu viel Zeit habe, ich meine Erden-, Lebenszeit. Aber mit Dir will ich doch noch zusammensein, so oft es nur geht. Geliebteste! Komm bald wieder zu mir! Komm!!"
Als ich dann jedoch die Frage nach der Realität und der Lebbarkeit dessen, was wir damals unsere Liebe nannten, und deines Lebens als Pfarrer zuerst stellte, noch im Januar, da zeigte sich, dass auch du nach allen deinen Erfahrungen sie wieder zuließest, denn du schriebst (diese beiden Briefe haben sich gekreuzt):
"Eine Frage hast Du mir noch nicht expressis verbis gestellt, weder jetzt noch früher. Nur verbirgt sie sich hinter der Bemerkung, dass Du mein Verhalten damals, als Du mit 20 Jahren zu mir kamst mit Deinen theologischen Fragen, als 'Verrat' empfandest. Das heißt doch, dass Du es als unvereinbar erkanntest mit dem, wozu mein Beruf mich hätte verpflichten sollen. Mir scheint, dass Du dieselbe Beurteilung heute nur nicht aussprichst und dass Dir das viel innere Anfechtung bereitet: Die Frage, ob ich nicht ein Scharlatan bin, der seinen Beruf nur ausübt, um sich die nötige finanzielle Basis zu sichern, aber nicht das geringste tut, um aus diesem Beruf für sein Denken, Leben und Tun Konsequenzen zu ziehen. Ich unterstelle Dir keineswegs, dass Du mich so anpredigst. Aber ich unterstelle, dass Du zu klug bist, um nicht über diese Diskrepanz nachzudenken, in der ich lebe, und dass Du Dich fragst: Wie hält der das aus, diesen Balanceakt, diese Seiltänzerei, ohne mit Krachen abzustürzen und sich alle Knochen zu brechen? Entweder ist er ein Hasardeur, der eben beides kann, zwei Sprachen perfekt sprechen (und eigentlich müsste man ihn verachten), oder er ist ein Erotomane, der von seiner Manie total beherrscht wird, ein Spezialfall der Neuro-Pathologie. Wofür hältst Du mich? Für einen frommen Trick-Künstler? Für einen erotoman Besessenen? Oder für einen, der den üblichen sexuellen Nachholbedarf hat, wie es das bei Männern um 60 gibt, besonders bei solchen, die an der Seite von allzu unkörperlichen Gattinnen erotisch zu kurz gekommen sind? ... Je älter wir werden, desto mehr kommt es mir vor, als hätte ich viel Glück und viel Lust versäumt. Zwar sage ich als Prédicateur de l'Évangile, dass Leben, wahres Leben, in etwas anderem besteht (in dem, was Novalis sicher zutiefst meint, und ich glaube ihm, dass er wirklich das Mysterium des heiligen Mahles und die in ihm bezeugte Bejahung des Menschen meint: dass er angenommen worden ist, weil es dieses gibt, dass sich einer für uns auslieferte, um Brücke, um Brot und um Trank zu sein), und zutiefst weiß ich auch, dass das Evangelium wahr ist und gegen alle meine Fluchtversuche wahr ist. - Ich konnte Dir das nicht ersparen. Du bist mit mir durch alle Wollust gegangen. Gib' mir nun eine ehrliche Antwort."
Aber um die drückte ich mich noch eine Weile. Ja, eine kleine Zeit konnte ich noch nicht verzichten auf alles das, was du mir schriebst von der Liebe mit mir (und wirklich: niemals vorher, niemals nachher hat mir jemand so geschrieben), sog es auf und gab dir ein Echo zurück, anfangs aus dem Nacherleben der gemeinsamen Wollust, dann verhaltener, eben immer deutlicher den Realitätsverlust in unseren Vorstellungen wahrnehmend. Wie konntest du leben mit dem einen und mit dem anderen? Warest du nicht einfach wieder in einer manischen Phase? Stimmte es nicht, was du selbst sahest, dass du zwei Sprachen perfekt beherrschtest? Du warst eine Erotomane und zugleich einer, der glauben und zum Glauben hinführen wollte. Mit einer anderen Frau als Else oder wenigstens ohne den Bruch in eurem frühen Zusammenleben wäre das vielleicht ohne die Spaltung in dir möglich gewesen, die sich immer wieder auftat, die du gut kanntest, aber nicht zu überbrücken vermochtest oder doch nur mit Worten. Ich verachtete dich dafür nicht, verachte dich auch jetzt nicht. Nur verstehe ich noch immer nicht, wie du in dieser doppelten Intensität so lange hast leben können, deren beide Teile, der Glaube und die Lust, wahr gewesen sind, aber die Lust nicht ohne Lüge, denn du lebtest ja nicht allein, und der Glaube nicht ohne Abstürze in den Abgrund. Aber davon verstehe ich nichts. Was ich verstehe: Du meintest nicht mich mit deiner mich überschwemmenden Lust, die ich jenes eine Mal gewollt habe. Ich war nicht so anders als die anderen, mit denen du sie erlebt hattest, wie du mich glauben machen wolltest.
Das schrieb ich dir dann. Zunehmend schaler und künstlicher, also unwahr erschienen mir meine eigenen echohaften Antworten. Und ich telegraphierte dir auch, dass ich zu den fest verabredeten Tagen im März nicht zu dir kommen würde. Denn wie sollte das weitergehen? Würden wir zusammen sein alle zwei Monate einen Tag oder zwei? Wozu das, da doch das eine Mal mir als vollkommen erschienen war und ich zumindest nur dieses eine Mal gewollt hatte? Und wie lange das? Bis deine manische Phase in eine depressive übergehen würde, denn dein Medikament hatte ja offenkundig nicht geholfen. Bis ich einen neuen Freund fände? Wie lange sollte ich dich in der doppelten Intensität und der Lüge lassen, den Konfirmanden das sechste Gebot auszulegen und es zugleich zu brechen in Gedanken und Taten? Das Abendmahl auszuteilen und ihm den Sinn des Novalis zu unterlegen?
Erst als ich das ganz ernsthaft gedacht hatte und in bewusstem Verzicht auf deine rauschhaften Ergüsse, gab ich dir die Antwort, und ich kam dann nicht nochmals zu dir, sah dich nie mehr.
Das aber hatte ich nicht gewollt. Ich wollte, dass du mein Freund bliebest oder vielmehr: jetzt würdest. Die Freundschaft im Gespräch wollte ich mir und uns aus unserer Begegnung bewahren, und zuerst wolltest du es auch ("Die Liebe zu Dir - das weiß ich nun - ist einbeschlossen in mein Leben." - "Du sollst es wissen, dass ich immer für Dich da sein werde als Dein Dich von ganzem Herzen liebender Freund."), bevor du in ein tiefes, schwarzes, depressives Loch fielest, und auch noch danach, als du, wieder einmal in deinem Leben, bitter eingesehen hattest, dass du in der Teilung nicht leben könnest, zuviel hättest lügen müssen, wieder nur intellektuell gepredigt hattest und mir nun, nach einigen schrecklichen Tagen auf dem Weg zur erneuerten Erkenntnis der dir doch so bekannten Wahrheit, dankbar warst, dass ich dich in die Realität zurückgeholt hatte.
Du hattest gepredigt (und mir die Predigt geschickt!) über Jesus und die Ehebrecherin: "Wir leben alle als Wesen, die auf dem Gebiet des sexuellen Lebens Entscheidungen zu treffen haben. Und wir machen alle in dieser Sache Gott Ehre oder Schande. Und aus eigener Kraft wird niemand mit seiner Verlotterung fertig. Wenn es ein Gebiet gibt, das der Befreiung und der Ordnung durch Gott bedarf, dann ist es dieses Gebiet unseres geschlechtlichen Lebens: dass es wieder unter den Befehl Gottes komme." - Wie muss dich deine doppelte Intensität geschüttelt haben, dass du in deiner Predigt diesen Bereich des menschlichen Lebens so nennst, als sei er der einzige, der der Ordnung durch Gott, gar durch einen Befehl Gottes bedürfe! Jeweils nach einer eigenen "Verlotterung" erkanntest du das wieder. Nur, Johannes, weder deine eigene Erkenntnis noch die "Ordnung" dieses Bereichs durch deinen Gott hat dich von etlichen Wiederholungen solcher "Verlotterung" ferngehalten, sie dir erspart, dir die Kraft gegeben, dem "Fremden" in dir keine Befehlsgewalt zu lassen, ihn von zu weisen. War es nicht der, für den die Menschen in früheren Jahrhunderten den Namen "Teufel" hatten?
Beinahe unausdenkbar für mich: Else hat von fast allem Anfang an fast alles gewusst. Sie hatte - wirklich versehentlich?? das kann ich nicht glauben - das Tonband gehört, das du mir geschickt und von dem du dir eine Doublette gemacht hattest, um dich selber nächtens daran zu berauschen. Du liebtest ja nicht mich, sondern den eigenen sexuellen Rausch, ersatzweise den Rausch deiner eigenen Worte. Else hatte geschwiegen und gewartet und eines Nachts, nach vielen, vielen Jahren erstmals wieder, dich in ihr Bett gerufen. Das hast du mir noch geschrieben. Wohl dabei hast du erfahren, was sie wusste, dass sie alles wusste und es als Ausbruch einer deiner manischen Phasen verstehen und sogar verzeihen konnte. Vielleicht sah sie das, was geschehen war, nicht einmal als ein so grundstürzendes Ereignis an, wie es mir erschien. Einmal erwiderte sie meinen Gruß und nicht nur das: Trotz dessen, was sie wieder einmal durch dich und mittelbar durch mich erlitten hatte, war sie nun einverstanden, mich als eine Freundin der Familie zu empfangen.
Du warst leer und ausgebrannt nach den Turbulenzen des Winters, doch immer noch bereit, mit mir verbunden und im Gespräch zu bleiben, aber eben in einem Gespräch, an dem deine Frau Anteil haben sollte. Du wolltest sie nicht nochmals verraten. Das hast du mir jedenfalls so geschrieben. Aber dieses außerordentliche Angebot, mit euch beiden mich zu befreunden und dadurch endlich eine Beziehung zu dir zu finden, die hätte 'normal' werden und dauerhaft sein können, dies Angebot, das soviel Verzeihen enthielt, konnte ich als solches nicht anerkennen, nicht einmal erkennen. Ich hing in Liebesverstrickungen verschiedenster Art, die alle nur das eine gemeinsam hatten, dass ich sie eigentlich nicht wollte. Und den ich wollte, nochmals dich 30 Jahre jünger, den bekam ich nicht, natürlich.
Langsam musst du es bemerkt haben, dass ich dein, euer Angebot gar nicht wirklich verstanden hatte. Da du mich immer als stark und selbstsicher und wach erlebt hattest, musstest du annehmen, dass ich es nicht verstehen wollte. Und wirklich interessierte mich dein Alltag als Pfarrer im Staate DDR nur soziologisch und nicht darin, wie man dort den christlichen Glauben leben könne. Und zumal dein Glaube konnte mir ja nicht anders als fragwürdig geworden sein. Das müsstest du eigentlich erkannt haben. So wurden deine Briefe seltener, erschöpften sich schließlich in Erörterungen möglicher und nicht möglicher Termine und Konditionen, zu denen wir uns hätten sehen können, und die Versicherung der Beständigkeit deiner Freundschaft schwand aus ihnen. An ihr allein war mir gelegen. Ich hatte aber nicht begriffen, dass nur eine Freundschaft zu dritt möglich gewesen wäre, wollten wir wirklich einen neuen Anfang machen. Dafür war ich nicht reif. Das habe ich niemals ernstlich durchdacht. Doch auch du, wenn ich das sagen darf, warst nicht reif dafür. Ich muss jemand für dich gewesen sein, von dem die Gefahr, sich mit ihm in sexuellen Abenteuern zu verlieren, und seien es solche der Phantasie, immer wieder ausgehen würde, so wie du mich ja wirklich in all den unerfreulichen Terminerörterungen zu einer Wiederholung unseres lustvollen Zusammenseins nochmals eingeladen hast. Da ich darauf nicht einging, andererseits aber in meinen Briefen über deine Frau fast beständig schwieg, von der du mir allerdings beinahe ausschließlich Fürchterliches gesagt und geschrieben hattest, konntest du nur die Konsequenz ziehen, mich nicht wiederzusehen. Den Briefwechsel ließest du sanft einschlafen, diesmal endgültig.
Das vorletzte, was ich von dir erhielt, war eine nichtssagende Postkarte von einem Ostseeurlaub in Ahrenshoop mit deiner Frau, geschrieben am Tag der Abreise. Danach schnodderte ich mir meine Enttäuschung von der Seele, die berechtigte, wie ich damals meinte. Ich wütete gegen dein Christentum und dich, dass du es nicht fertig kriegtest, deiner Frau treu zu bleiben, wenn du es wolltest, aber mir die Freundschaft nicht zu versagen. Nur war es eben auch so: Die Freundschaft hätte kein geistiges Thema gehabt, da der christliche Glaube uns nicht mehr verband und da ich eben nach eurer Alltagswirklichkeit niemals gefragt hatte. Auf diesen Brief hast du noch einmal geantwortet - aber als wären wir uns nie nahe gewesen. Nur in der Nachschrift: Falls ich je mir einen Rat von dir wünschte, so wollest du ihn geben nach deinen Möglichkeiten. Johannes der Pfarrer. Das schienst du nun wieder ungeteilt zu sein; jedenfalls sein zu wollen, sage ich lieber vorsichtig. Was für Anfechtungen dir in späteren Jahren noch begegnet sind und ob du mit ihnen fertig geworden bist und auf welche Weise, das habe ich also nicht mehr erfahren.
Ja, du hattest mich enttäuscht. Dass ich an dieser Enttäuschung selber reichlich Mitschuld trug, begriff ich erst viel später. Doch ich bin sicher: Nach einigen Jahren hättest du dich nochmals finden lassen, wenn ich dich gesucht hätte. Ob dann das gelungen wäre, was ich dir gegenüber immer wieder die Freundschaft im Wort genannt habe, dessen bin ich nicht sicher. Vielleicht wäre ich in späteren Lebensjahren imstande gewesen, sie mit euch beiden zu führen. Vielleicht aber hättest du nochmals eine Liebesekstase gewollt, und ich hätte mich ihr nicht widersetzt. Ich habe zwar nach unserer Begegnung noch eine lange Ehe geführt, aber darin nicht die Liebe gefunden, für die Treue selbstverständlich gewesen wäre und die einen gemeinsamen geistigen Grund gehabt hätte. Doch ich habe dich lange nicht mehr gesucht.
Und für viele neue Begegnungen hätte deine Lebenszeit, deine Erdenzeit nicht mehr gereicht. Du bist 1978 gestorben. Ich erfuhr es erst einige Jahre später, 1984, als ich dir doch noch einmal nachspürte. Seitdem trauere ich darum, dass wir uns nur so selten und so einseitig begegnet sind und dass wir uns nun endgültig nie wieder sehen können. Niemals werde ich alle die versäumten Fragen nach deinem Leben als Liebhaber und Ehemann, als Theologe und Pfarrer nachholen können, Johannes.

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